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Trulli

Alberobello

Bereits 1996 wurden sie zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. Heute gelten sie als eines der Wahrzeichen der süditalienischen Region Apulien. Sie schmücken Werbeprospekte und sind eine beliebte Touristenattraktion. Man findet sie, allein stehend oder in kleinen Gruppen, in der Valle d’Itria. Aber nirgendwo stehen so viele beisammen wie in Alberobello, der Hauptstadt der Trulli.

Ich berichtete über die weißen Städte Apuliens und versprach den trulli (Sg. trullo) und Alberobello einen eigenen Artikel zu widmen. Wer sich der Valle d’Itria nähert, wird unweigerlich auf die berühmten, kegelförmigen Steinhäuser treffen. Sie sind vereinzelt – oder kleine Gruppen bildend – über das gesamte Itria-Tal verstreut. Bislang habe ich noch niemanden kennengelernt, der sich dem Charme der pittoresken Rundhäuser mit Zipfelmütze entziehen konnte. Früher wurde Alberobello oft mit dem Dorf der Schlümpfe verglichen. Heute hört und liest man immer wieder den Vergleich mit Hobbingen im Auenland. Als gesichert gilt, dass die Einwohner von Alberobello in der Regel weder blau sind, noch pelzige Füße haben.

Über den Dächern von Alberobello

In Alberobello (wörtl. schöner Baum) bilden die trulli ganze Stadtviertel. Über tausend der runden Steinhäuser mit dem markanten Dach sollen hier stehen. Es gibt den berühmten siamesischen trullo und sogar eine Trullo-Kirche wurde errichtet. Heute drängen zahlreiche Touristen aus aller Herren Länder durch die Gassen von Alberobello. Viele trulli wurden schon vor Jahren von ihren Einwohnern verlassen und in Souvenirläden, Bed & Breakfast oder Restaurants umfunktioniert. Ein wenig erinnert die Altstadt an ein apulisches Disneyland: kitschig, aber zweifellos faszinierend. Sehenswert ist die Stadt auf jeden Fall! Und irgendwie kann man die einstigen Einwohner auch verstehen: Ganzjährig in einem trullo zu leben mag romantisch, aber nicht unbedingt sehr bequem sein.

Trullo als Kirche
Die Trullo-Kirche Sant’Antonio im Stadtviertel Rione Monti in Alberobello
Die touristische Seite von Alberobello
In den Straßen von Alberobello: Souvenirs für jeden Geschmack und Geldbeutel

Selbstverständlich gibt es auch weniger touristische Ecken in Alberobello zu entdecken und zu fotografieren. Man muss sich nur zwei Meter von der Hauptmeile des Tourismus in Alberobello entfernen und einen Blick in die Seitengassen werfen, wo der eine oder andere Einheimische noch immer in seinem trullo lebt.

Auf den grauen Dächern der trulli sind oftmals weiße Zeichen zu sehen. Meist handelt es sich um christliche Symbole, wie zum Beispiel das durchbohrte Herz Marias. Aber auch heidnischen Symbole gibt es zu sehen. Traditionell wurden sie als Zeichen gegen den bösen Blick auf die Dächer gemalt und sollten die Bewohnern vor Unglück schützen. Eine interessante Übersicht der verschieden Symbole findest du auf der Webseite I Trulli di Alberobello – I simboli.

Trulli mit Symbolen auf den Dächern
Pinnacoli
Trullidächer mit den abschließenden pinnacoli

Das Dach eines trullo schließt mit dem sogenannten pinnacolo ab. Ob die weißen Abschlusssteine lediglich eine schlichte Verzierung darstellen oder einen symbolischen Charakter haben, ist umstritten. Man findet sternenförmige, runde oder auch abgeflachte pinnacoli.

In der Valle d’Itria wurden in den letzten zwanzig Jahren vielen trulli von ausländischen Investoren aufgekauft, restauriert und zu Ferienresidenzen umgebaut. Viele heute auch mit privaten Pool und allen Annehmlichkeiten, die Touristen heute erwarten. Das Innere ist oft sehr minimalistisch und stylisch. Ob sie noch ihren ursprünglichen Flair haben, bleibt jedem selbst überlassen zu beurteilen.

Alberobello im Winter
Alberobello zur Weihnachtszeit

Trulli findet man in Apulien ausschließlich in dem Dreieck der drei Provinzen Bari, Brindisi und Taranto. Im Salento, dem Süden Apuliens, gibt es ähnliche Gebäude zu sehen, die aber ohne das charakteristische Dach in Form einer Zipfelmütze auskommen müssen. Wir nenne sie Pajare (Sg. Pajaru) oder auch Furnieddhi. Auf sie werde ich in einem anderen Blogartikeln zu sprechen kommen, denn ich habe das Glück einen solchen Pajaru sogar auf dem Grundstück stehen zu haben.

Trabucco Monte Pucci

Auf den Spuren der Trabucchi

Von Rodi bis Vieste. Eine Entdeckungsreise entlang der Küste des Gargano.

Meine Suche nach den Trabucchi beginnt nördlich von Rodi Garganico im Sporn des italienischen Stiefels. Das Frühjahr ist noch jung. Die Wolken über der Adria versprechen Regen. Aber dafür gehört mir die Küstenstraße heute allein. Und Wettervorhersagungen sollte man nicht immer Glauben schenken, denn kaum bin ich unterwegs, klärt sich der Himmel über dem Sporn auf. Beste Bedingungen, um mich auf die Suche nach den Trabucchi zu machen. Kurz vor Peschici werde ich bereits fündig. Fotogen präsentiert sich mir zu Füßen der Trabucco di Monte Pucci:

Trabucco im Gargano

Monte Pucci bestand einst aus drei Trabucchi. Der Größere ist noch heute in Funktion. Seit den 70er Jahren verköstigt man hier Besucher mit frischem Fisch. Der Trabucco soll, nach eigenen Angaben, einer der ältesten seiner Art im Gargano sein. Für weitere Informationen und Öffnungszeiten: Trabucco di Monte Pucci

Aber was ist ein Trabucco? Trabucchi (Sg. trabucco) sind Holzkonstruktionen, die an Pfahlbauten erinnern. Sie wurden entlang der adriatischen Küste errichtet und zum Fischfang mit Netzen genutzt. In Apulien sind sie ausschließlich im Gargano zu sehen. Aber sie sind auch an den Küsten der Regionen Molise und Abruzzo anzutreffen. Im Gargano stehen die Trabucchi seit einigen Jahren unter Denkmalschutz.

Ich halte kurz im schmucken Peschici ein. Hoch über der Adria gelegen, hat man sich ganz auf sommerliche Urlauber eingestellt. Pittoresk der Ort, schön der Strand und die umliegenden kleinen Buchten. Leider habe ich nur wenig Zeit. Meine Suche nach den Trabucchi geht weiter.

Peschici

Nur wenige Kilometer nördlich von Peschici treffe ich auf einen der bekanntesten Trabucchi im Sporn Italiens: il Trabucco Punta San Nicola. Leider ist es früh im Jahr und der Gargano, wie auch der Trabucco, liegen noch im Winterschlaf. Auch dieser Trabucco beherbergt heute ein Restaurant, wo Fisch und Meeresfrüchte die Hauptdarsteller sind. Für weitere Informationen und Bilder: Al Trabucco da Mimi

Meine Fahrt geht weiter die Küste entlang. Ich treffe auf einen Trabucco mit dem klangvollen Namen cala lunga, was so viel wie “lange Bucht” bedeutet.

Cala Lunga - Bucht Gargano

Im Gargano befinden sich die meisten Trabucchi zwischen Peschici und Vieste. Es sollen vierzehn an der Zahl sein, die unter anderem von dem Verband “La Rinascita dei Trabucchi Storici“ betreut werden. Mehr über die Geschichte der Trabucchi auf der Webseite des Verbandes: Trabucchi del Gargano

Küste zwischen Peschici und Vieste

Vieste. Ein mediterranes Postkartenmotiv. Eine Ansammlung weißer Häuser auf einem schmalen Felssporn. Es ist schwierig Vieste zu beschreiben ohne sich in Plattitüden zu ergehen. Warum sich das Städtchen zu einer der touristischen Hochburgen im Gargano entwickelt hat, kann man auf den ersten Blick nachvollziehen: Eine malerische Lage, romantische Altstadtgassen, lange Sandstrände in unmittelbarer Nähe — und dann dieses grünblaue Meer. Klick. Das Postkartenmotiv ist auf meiner Speicherkarte.

Vieste

Vieste lenkt mich von meiner Suche nach den Trabucchi ab. Ich spazieren durch die Altstadt, fotografiere die engen Gassen und immer wieder den großartigen Ausblick aufs Meer. Pflichtbewusst werfe ich einen Blick in die Kathedrale, deren Turm die Altstadt überträgt. Erbaut im 11. Jahrhundert, wurde sie 1646 bei einem Erdbeben zerstört, um anschließend in der heutigen Form wieder aufgebaut zu werden. Von der Kathedrale sind es nur wenige Gehminuten bis zum Kastell. Von den Hohenstaufern in strategischer Position errichtet, wird das Bollwerk heute vom italienischen Militär genutzt. Von hier fotografiere ich eines der Wahrzeichen des Gargano: den Kalkfels Pizzomunno.

Kalkfels Pizzomunno
Pizzomunno am Strand von Vieste

Wie nicht anders zu erwarten, ranken zahlreiche Legenden um den Monolith von Vieste. Am besten gefällt mir die Liebesgeschichte von Cristalda, Tochter eines Meersgottes. Sie verliebte sich unsterblich in einen attraktiven Jungspund aus Vieste. Leider waren ihre Eltern über die unstandesmäßige Verbindung erzürnt und verwandelten kurzerhand den Romeo in den Felsen Pizzomunno. Der Legende nach soll alle hundert Jahre der Monolith wieder eine menschliche Gestalt annehmen, um sich mit der geliebten Cristalda treffen zu können. Leider konnte mir niemand Auskunft darüber geben, wann mit dem Event zu rechnen ist!

Trabucco in Vieste

Letztendlich habe ich aber auch in Vieste die Spur nach den Trabucchi nicht verloren. Auf der Punta di San Francesco  – wie der Felsvorsprung genannt wird, der in das adriatische Meer ragt – werde ich fündig. Unterhalb der gleichnamigen Kirche steht ein kleiner, fragil anmutender Pfahlbau. Und da auch im schönem Vieste aller guten Dinge mindestens zwei sind, wartet unterhalb der Altstadtmauern eine weitere Holzkonstruktionen auf Stelzen darauf von mir abgelichtet zu werden.

Trabucco

Ich verabschiede mich vom schönen Vieste und den Trabucchi, die Geschichten aus vergangenen Tagen erzählen, als die Fische noch zahlreich und die Touristen selten an der Adria anzutreffen waren.

Eine andere Art der Reisegeschichte aus dem Sporn des Stiefels ist unter Zwei Erzengel im Gargano zu finden.

Matera Basilicata

Sassi di Matera

Unser erstes Treffen fand an einem kühlem Märztag unter grauem Himmel statt. Ein kalter Wind wehte durch die Schlucht. Du gabst Dich melancholisch und düster. Aber deine grauen, höhlenartigen Behausungen, die sich eng an die kargen Felsen schmiegen, sollten mir in Erinnerung bleiben. Das ansonsten heitere Süditalien, präsentierte sich mir ungewohnt elegisch. Matera und die berühmten Sassi haben mich bei meinem ersten Besuch sehr beeindruckt, wenn auch auf eine schwermütige Art und Weise.

Einst galt Matera als Schandfleck Italiens. Von der Malaria heimgesucht, lebten tausende von Menschen unter primitivsten Bedingungen in Höhlensiedlungen, die unter dem Namen Sassi di Matera bekannt sind. Carlo Levis Schwester Luisa berichtet von ihrem Besuch in Matera in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts:

Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Tür empfangen. […] Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen […]. So leben zwanzigtausend Menschen.

Levi, Carlo: Christus kam nur bis Eboli. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 2006 S. 92–93

Seit der Erscheinung des Buches Christus kam nur nach Eboli ist viel Zeit ins Land gegangen. Die Sassi di Matera zählen seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der einstige Schandfleck Italien hat sich gewandelt. Heute findet man in der Altstadt Materas hübsche Boutiquehotels, Bed & Breakfast und sogar Fünf-Sterne-Hotels mit Spa, die sich harmonisch in die alte Siedlung einfügen.

Mein erster Besuch in Matera liegt fünfzehn Jahre zurück. Damals hat die Stadt noch einen melancholischen Eindruck auf mich gemacht, wobei das graue Wetter sicherlich nicht ganz unschuldig war. Umso überraschter war ich von den positiven Veränderungen, die ich bei meinem diesmaligen Aufenthalt feststellen konnte. Wären nicht die berühmten Sassi gewesen, ich hätte die Stadt fast nicht wiedererkannt. Die Atmosphäre hat sich gewandelt. Die Stadt Matera hat ihre kleine Revanche bekommen und verdienterweise wurde der einstige Schandfleck Italiens im Herbst 2014 zur Kulturhauptstadt Europas 2019 gewählt. Weitere Informationen unter Matera Capitale europea della cultura 2019.

Sassi di Matera

Bei wolkenverhangenem Himmel erweckt Matera noch heute einen melancholischen Eindruck. Aber darin besteht der besondere Reiz der lukanischen Stadt. Für meinen diesmaligen Besuch habe ich mehr Zeit mitgebracht, um die Sassi di Matera bei Tag und Nacht zu fotografieren. Und Matera hat ihr Bestes gegeben und mich in einem Zeitraum von 24 Stunden mit Sonnenschein, Wolken und Sturzregen bedacht.

Matera
Auf die Schnelle noch ein Bild, bevor ich im nächsten Lokal Zuflucht vor dem Regenguss suchen musste
Matera bei Nacht
Besonders reizvoll bei Nacht: die Altstadt von Matera

Um die Altstadt von Matera und die faszinierende Höhlensiedlungen zu erkunden, die am Felsen über der Gravina kleben, sollte man ausreichend Zeit mitbringen. Wer mit eigenen Augen sehen möchte, wie es sich noch bis in die fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts in einer solchen Felsenhöhle lebte, kann das Museum Storica Casa Grotta di Vico Solitario besuchen. Was heute, restauriert und mit Designmöbeln ausgestattet, den kleinen Boutique Hotels im historischen Zentrum ein “stylisches” Flair verleiht, war damals bittere Armut. Der eine oder andere ältere Einwohner wird sich wahrscheinlich noch immer darüber wundern, wie begehrt mittlerweile seine einstige Unterkunft geworden ist.

UNESCO Weltkulturerbe Sassi di Matera

An Kirchen herrscht, wie überall in Italien, auch in Matera kein Mangel. Es gilt die Kathedrale Madonna della Bruna e di Sant’Eustachio, die Kirche San Pietro Caveoso oder die Felsenkirche Santa Maria dell’Idris zu besichtigen — um nur einige Beispiele zu nennen. Besonders angetan war ich von der Kirche Chiesa del Purgatorio (dt. Kirche des Fegefeuers), die fast neuzeitlich anmutet, wenn man zuvor Höhlenkirchen besichtigt hat. Von allen Gotteshäusern, die ich im vergangenen Jahr besichtigt habe, gehört sie mit Abstand zu den “Makabersten” ihrer Art. Aber überzeuge Dich selbst:

Matera als Filmkulisse

Bereits in den sechziger Jahren drehte Pier Paolo Pasolini Szenen des Matthäusevangelium in Matera. International bekannt wurde die Stadt der Sassi durch den Mel Gibson Film Die Passion Christi. Matera war Drehort für den Remake von Ben Hur. Wenn ihr die Sassi di Matera besucht, werdet ihr schnell nachvollziehen können, warum der Ort prädestiniert für Historienfilme ist: Die Höhlenwohnungen bilden eine perfekte Kulisse für Filmaufnahmen.

Und natürlich darf er nicht fehlen: Bond, James Bond. Im September 2019 rast James alias Daniel Craig mit seinem treuen Aston Martin durch Matera. Weitere Szenen für No time to Die wurden übrigens auch in dem nahen Städtchen Gravina in Puglia gedreht.

Anreise Matera

Je tiefer Du in den Süden Italiens kommst, desto spärlicher wird das Schienennetz und die öffentlichen Verkehrsmittel. Der einfachste Weg das Land zu erkunden ist, insbesondere im Mezzogiorno, noch immer das eigene Auto.

Matera ist vom Flughafen Bari mit Puglia Airbus zu erreichen. Für Informationen: https://www.aeroportidipuglia.it/

Es besteht von Bari aus die Möglichkeit Matera mit der Ferrovie Appulo Lucane zu erreichen. Eine kostengünstige, allerdings auch langsame Art und Weise von Apulien in die Basilikata zu gelangen – oder slow travel wörtlich genommen.

Matera ist bis heute nicht an das nationale Schienennetz angebunden. Wer jedoch, zum Beispiel, von Rom nach Matera reisen möchte, findet Verbindungen auf der Webseite von Trenitalia. Bei Freccialink handelt es sich um eine Busverbindungen und nicht um einen Schnellzug. Der Bahnhof Ferrandina – Scalo Matera, liegt circa 35 km von Matera entfernt. Neue Verbindungen nach Matera sind geplant, sollen aber nicht vor 2026 fertig gestellt werden.

Übernachten in Matera

In den Sassi findet man einige sehr schöne und luxuriöse Unterkünfte. Zu den bekannten Hotels gehören Le Grotte della Civita (Sextantio) und Palazzo Gattini – immer wieder gerne in den verschiedenen Lifestyle Magazinen abgebildet. Nach einem kurzen Blick in mein Portemonnaie – und mit Rücksicht auf meinen vierbeinigen Begleiter – habe ich mich für eine kleine Ferienwohnung unweit der Kathedrale in der Altstadt entschieden. Berücksichtige jedoch, dass die Altstadt von Matera für den Verkehr gesperrt es und auch keine direkten Parkmöglichkeiten bestehen. Eine Einschränkung, die sich aber lohnt, um einmal mitten in den Sassi di Matera zu übernachten.

Einen sehr schönen Reisebericht über Matera findet Du auch bei Nicole von Freibeuter Reisen. Sie hat Matera on Board einer Ape Calessino besichtigt.

Die meisten Besucher Materas sind Tagestouristen aus Apulien. Die Basilikata ist jedoch mehr als eine Stippvisite in Matera wert. Der Nationalpark Pollino und die lukanischen Dolomiten, die langen Sandstränden am Ionischen Meer oder die verlassene Geisterstadt Craco – sind nur ein paar der Gründe für die es sich eine Reise in die Basilikata lohnt.

Kaktusfeige

Die weißen Städte Apuliens

Eine Reise durch die Valle d’Itria

Die Blätter der knorrigen Olivenbäume flirren silbrig in der Mittagshitze. Trockensteinmauern säumen Wege und Felder. Trulli mit Zipfelmützen, Orecchiette und Wein, rot wie die Erde. Ewig knattert die Vespa und hupt der Fiat Cinquecento. Azurblau das Meer und der Himmel, gegen den sich weiß gekalkte Häuser abheben.

Der Absatz Italiens und seine Klischees. Natürlich stimmen sie nicht immer mit der Realität Apuliens überein, aber das eine und andere Körnchen Wahrheit enthalten sie. Kaum ein anderer Landstrich Apuliens entspricht diesen – schön anzusehenden und gut schmeckenden – Klischees mehr als die Gegend rund um Ostuni, Cisternino, Locorotondo und Martina Franca. Auf geht es zu einer bilderreichen Reise durch die Valle d’Itria.

Die weiße Stadt Ostuni

Die weiße Stadt Ostuni

La città bianca Ostuni darf auf keiner Rundreise durch Apulien fehlen. Mit Grund ist sie bei Touristen sehr beliebt. Mir gefällt bereits die Anfahrt: Wenn man von der Superstrada Bari-Lecce abbiegt, sieht man in der Ferne die schöne, weiße Stadt auf dem Hügel thronen. Und apropos Klischees: Die Straße führt durch Haine von uralten, knorrigen Olivenbäumen. Wenn Du auf der Suche nach diesen fotogenen Zeitzeugen Apuliens bist, rund um Ostuni wirst Du fündig werden.

Ich parke in der Neustadt Ostunis und steuer zielstrebig die zentrale Piazza an. Die Piazza della Libertà ist Treffpunkt und Übergang zur Altstadt zugleich. Hier wacht, mitten auf der Straßenkreuzung, der Schutzpatron Ostunis, Sant’Oronzo, auf einer barocken Säule über seine Schäfchen.

Ich würdige die Souvenirläden in der Via Cattedrale keines Blickes. Stattdessen biege ich in eine der zahlreichen schmalen Gassen in der Altstadt von Ostuni ab. Man kann nachvollziehen, warum sich das Städtchen zu einem der Hauptattraktionen des Tourismus in Apulien entwickelt hat: Das Labyrinth an Gassen und Gässchen ist faszinierend, pittoresk und manchmal, aber nicht immer, für Touristen herausgeputzt. Die Bilder im Artikel entstanden in Frühjahr, Herbst und auch im Winter. Ich besuche selbst, auch wenn ich bei Otranto lebe, immer wieder gerne Ostuni. Nur im Juli und August überlasse ich sie den Touristen, wenn die Altstadt aus allen Nähten platzt.

Die Kathedrale aus dem 15. Jahrhundert überragt die Altstadt von Ostuni. Ihre Fassade präsentiert sich im romanisch-gotischen Stil. Eine aufwendige Fensterrose fungiert als gelungener Blickfang. Und dann passiert es auch mir: Als ich durch das Hauptportal schreiten möchte, wird tatsächlich das erste Mal von mir Eintritt in eine Kirche verlangt. Der zu entrichtende Obolus beträgt lediglich einen Euro, aber es drängte sich mir kurz der Gedanke an unsere letzte Steuererklärung, inklusive der darin enthaltenen italienische Variante der Kirchensteuer, auf. Die Messen sind selbstverständlich weiterhin kostenlos. Lecce folgte dem Beispiel Ostunis wenig später. Auch dort sind die meisten Kirchen mittlerweile kostenpflichtig. Mehr dazu in einem separaten Artikel.

Tür Altstadt Ostuni
Door to Heaven und hipper Instagram-Spot

Als Entschädigung entdecke ich die Pforte zum Himmel in der Altstadt von Ostuni. Auch sie ist nicht frei von Klischees: blauer Himmel, blaue Tür, weiß gekalkte Mauer und als I-Tüpfelchen darf die anspruchslose Kaktusfeige nicht fehlen. Die Tür hat sich zum hippen Instagram-Spot entwickelt.

Im Land der Trulli: Cisternino

In Apulien gewesen zu sein und nicht zumindest einen Trullo fotografiert zu haben, kommt (fast) einem Sakrileg nahe. Von Ostuni bis nach Cisternino sind es nur ca. 15 km. Wenn man die Landstraße entlang fährt, bemerkt unweigerlich, dass man im Land der Trulli angekommen ist. Cisternino liegt in der Valle d’Itria (Itriatal), was auch als Tal der Trulli bekannt ist (es handelt sich allerdings nicht um ein Tal im eigentlichen Sinne, sondern um eine schalenförmiges Plateau). Hier sieht man hunderte von Trulli verstreut in der Landschaft. Viele von ihnen wurden in den letzten Jahren in exklusive Ferienunterkünfte umfunktioniert. Andere sind noch immer dem Verfall ausgesetzt. Die Landschaft ähnelt hier, mehr als anderswo in Apulien, einem gepflegten Garten. Der Vergleich mit Hobbingen drängt sich einem unweigerlich auf. Cisternino zählt übrigens zu den Borghi più belli d’Italia (die schönsten Dörfer Italiens).

Trulli in Apulien
Trulli in der Valle d’Itria

Es ist Mittag, als ich in Cisternino ankommen und der Hunger macht sich bemerkbar. Auf der Suche nach dem traditionellen Lokal, was mir empfohlen wurde, verlaufe ich mich im Gewirr der Altstadtgassen. An jeder Ecke duftet es verführerisch und der Magen beginnt zu knurren. Der Süden Apuliens ist als Paradies für Vegetarier bekannt. In Cisternino kommen jedoch auch Flexitarier und Carnivore auf ihre Kosten.

Wie üblich im Süden, beginnt das Essen mit einer gemischten Vorspeisenplatte. Als Hauptgang gibt es carni miste al fornello, eine gemischte Fleischplatte mit Lamm, Leber, hausgemachten Würstchen, Capocollo und Bombette. Das Fleisch wird traditionell im Holzofen zubereitet und für ca. 15 Euro pro Kilo verkauft. Im Menu findet man auch “exotische” Gerichte, wie Entrecôte vom Büffel und Eselfleisch.

Gut gestärkt besichtig sich jede Altstadt wesentlich besser. Cisternino kann es zwar architektonisch nicht mit Ostuni aufnehmen, aber sehenswert ist das historische Zentrum auf jeden Fall. Das Labyrinth an Gassen war für mich hier besonders verwirrend; zumindest bin ich mehrmals im Kreis gelaufen.

Weiß und rund: Locorotondo

Ob Locorotondo, der runde Ort, tatsächlich kreisförmig auf dem Hügel der Murge angelegt ist, kann ich aus meiner heutigen Perspektive nicht nachvollziehen. Aber von allen weißen Städten hat mir Locorotondo immer am besten gefallen. Das Städtchen steht ein wenig im Schatten des nahen und bekannteren Alberobello, was der Atmosphäre allerdings alles andere als schadet.

In Apulien ist Locorontondo für seine Weißweine bekannt. Ja, Du hast richtig gelesen: Weißwein aus Apulien. In der Regel bevorzugt man den roten Rebensaft, der gleichzeitig einer der Exportschlager Apuliens ist. Nero di TroiaPrimitivo di Manduria und Negroamaro gehören zu den bekanntesten Weinreben. In Locorotondo ist man hingegen stolz auf seine hervorragenden Weißweine.

Locorotondo

Locorotondo zählt nicht nur zu den Borghi più belli d’Italia, sondern ist außerdem Träger der renommierten Bandiera Arancione, ein vom Touring Club Italiano vergebenes Qualitätssiegel für Tourismus und Umwelt. Ich promeniere durch die Gassen der Altstadt, bewundere den Torre dell’Orologia, den Palazzo Morelli und werfe einen Blick auf die Chiesa Madre San Giorgio Martire. An den pittoresken Balkonen, Hauseingängen, Treppen und romantischen Winkeln kann ich mich kaum satt sehen. Die weiß getünchten Häuser mit den hübschen Giebeln blenden in der Nachmittagssonne. Ein Eldorado für Fotografen und Liebhaber mediterraner Altstädte. An den Bildern ist vielleicht zu erkennen, warum Locorotondo mein Favorit unter den weißen Städten Apuliens ist.

Zum Abschied bekomme ich vom Belvedere in Locorotondo einen schönen Blick über die Valle d’Itria geboten. Die Versuchung ist groß, auf die Schnelle die wenigen Kilometer von Locorotondo bis in die Hauptstadt der Trulli zu fahren. Es ist schon einige Zeit her, als ich das letzte Mal in Alberobello gewesen bin. Aber für heute begnüge ich mich damit aus dem Auto die pittoresken Trulli zu fotografieren. Dem UNESCO-Weltkulturerbe Alberobello werde ich einen eigenen Artikel auf Pen & Sea widmen.

Weiß und barock: Martina Franca

Mit fast 50 000 Einwohnern zählt Martina Franca zu den größeren Städten in der Valle d’Itria. In Apulien ist die Stadt für seinen schmackhaften capocollo und die autochthone Großeselrasse bekannt. Ausländische Besucher sind sicherlich mehr an der barocken Altstadt interessiert. Der hiesige Barock ist weniger verspielt und pompös als im südlicheren Lecce.

Ich betrete die Altstadt von Martina Franca durch die Porta di Santo Stefano auf welcher der Schutzpatron der Stadt, Sankt Martin, hoch zu Ross thront. Zu meiner Linken befindet sich der Palazzo Ducale aus dem 17. Jahrhundert, der zwar nie vollendet wurde, aber immerhin 300 Räume hinter seiner überraschend schlichten Fassade vorweisen kann.

Nach wenigen hundert Metern gelange ich zur Piazza Plebiscito, wo ich die barocke Fassade des Doms von Martina Franca bewundere. Auch hier fungiert San Martino wieder als gelungener Blickfang. Zur Linken wird der Platz von dem Palazzo dell’Università (auch Palazzo della Corte) und einem Uhrenturm umschlossen.

Dom von Martina Franca
Fassade des Doms von Martina Franca. Wie der Name bereits verrät, ist San Martino der Schutzpatron der Stadt. Gefeiert wird dieser, außer am 11. November, auch in der ersten Juliwoche.

Besser als alle Palazzi und barocken Kirchfassaden gefällt mir allerdings das Labyrinth an schmalen Gassen in der Altstadt von Martina Franca. Zwar habe ich im Büro der Pro Loco einen Stadtplan erstanden, aber nützlich war er mir letztendlich doch nicht. Irgendwann gebe ich auf und spaziere ohne Ziel durch die Sträßchen. An Fotomotiven herrscht in Martina Franca definitiv kein Mangel.

Heute endet hier meine Tour durch die Weißen Städte Apuliens. Aber auf Martina Franca bzw. seinen langohrigen Vertreter auf vier Hufen werde ich in Kürze nochmals zurückkommen. Ich hatte die Gelegenheit eine Masseria zu besuchen, wo diese alte Eselrasse noch heute gezüchtet wird. Und bei der Gelegenheit gehe ich auf die Frage ein: Was ist überhaupt eine Masseria?

Zitronenmarmelade

Igitt, Zitronenmarmelade

Mein Rezept für Zitronenmarmelade mit Schale

In den vergangenen Wochen habe ich die gelbe Vitaminbombe, die seit Wochen über meinem Kopf hängt, betrunken gemacht und in leckeren Limoncello verwandelt. Was aber mit dem Rest der gelben Pracht tun, die dieses Jahr so reichlich ist? Ich begann zu überlegen, ob ich nochmals den Versuch wagen sollte, Zitronenmarmelade zu machen.

Vor vier Jahren startete ich bereits einmal den Versuch Zitrusfrüchte in Marmelade zu verwandeln – mit mäßigem Erfolg. Allerdings muss ich dazu sagen, dass es eine Zitronen-Orangenmarmelade war. Und obwohl ich keine Orangenschalen verwendete, war das Ergebnis für meinen Gaumen zu bitter – und die Küche sah wie ein Orangen-Zitronenschlachtfeld aus. Definitiv nicht zu wiederholen.

Aber man soll bekannterweise nicht zu schnell aufgeben. Und tataaaaa – dieses Jahr mache ich die Zitronenmarmelade mit Schale (!) bereits zum vierten Mal. Das Ergebnis hat nicht nur mich begeistert, sondern sogar die bessere italienische Hälfte überzeugt – und das will etwas heißen.

Zutaten:

  • 1 kg Bio-Zitronen in in dünne Scheiben geschnitten
  • 650 g Zucker
  • Wasser

Die Zitronen gut waschen und in dünne Scheiben schneiden und einmal halbieren oder vierteln, je nachdem wie groß Du die Stücke in der Marmelade magst. Kerne dabei entfernen. Die Zitronenscheiben eineinhalb bis zwei Stunden mit Wasser bedecken und ruhen lassen.

Zitronenmarmelade - Mein Rezept

Zitronenschalen schmecken nicht bitter wie Orangenschalen. Es gibt sogenannte limoni di pane (wörtlich Brot-Zitronen), die nur wenig Fruchtfleisch haben, aber dafür reichlich albedo (wie offiziell auf Italienisch das Weiße der Zitrone heißt). Man isst sie pur oder als Salat mit Olivenöl, Zwiebeln, Salz, Peperoncino, Knoblauch und Minze. Unsere italienische Oma hatte früher einen solchen Baum in ihrem Garten. Mittlerweile ist diese Zitrusfrucht sehr selten bei uns geworden und ich habe sie auch nicht mehr auf dem Wochenmarkt oder gar im Supermarkt gefunden.

Das Wasser der Zitronen abgießen und die Zitronenscheiben in einem hohen Topf mit frischem Wasser ausreichend bedecken. Für wenige Minuten zum Kochen bringen.

Die Zitronen abgießen. Von diesem, lecker nach Zitrone riechendem Wasser, ungefähr 400 ml abnehmen und zur Seite tun.

Die Zitronenscheiben nun mit dem Zucker vermischen, die ca. 400 ml Wasser dazu geben und 30 bis 40 Minuten kochen lassen, bis die Marmelade fest wird. Den bekannten „Tellertest“ machen. Es ist absolut okay, wenn die Zitronenmarmelade ein wenig mehr „läuft“, als Du es vielleicht von anderen Marmeladen gewohnt bist.

Sollten Dir die Stücke der Zitronenschalen zu groß sein, einmal kurz mit dem Pürierstab zerkleinern.

Auf keinen Fall Gelierzucker verwenden! Manche Rezepte, die ich online gesehen habe, verwenden diesen tatsächlich. Die Zitronenmarmelade wird auch mit Haushaltszucker unglaublich fest. So fest, dass du sie mit dem Messer schneiden kannst. Kandiszucker geht natürlich auch (bei anderen Marmelade verwende ich ihn sehr gerne), allerdings ist die Zitronenmarmelade dann nicht mehr gelb, sondern bräunlich und erinnert an Orangenmarmelade (bereits ausprobiert). Schmeckt gut, sieht allerdings gewöhnungsbedürftig aus.

Die fertige Zitronenmarmelade in sterilisierte Gläser abfüllen und „kopfüber“ abkühlen lassen.

Nach meinem ersten misslungenen Versuch Zitrusfrüchten zur Marmelade zu verarbeiten, war ich dieses Mal von dem Ergebnis mehr als angetan. Die Zitronenmarmelade ist weder sauer, noch bitter, aber auch nicht zu süß. Sie schmeckt angenehm frisch. Zitronenmarmelade passt hervorragend zu würzigem Schaf- und Ziegenkäse.

Blüte des wilden Knoblauchs

Primavera

Frühling. Primavera. Liebe liegt in der Luft. Letzteres ist wörtlich zu nehmen. Zwei Turteltauben – ich meine die gefiederten Tiere – treiben es live vor meinen Augen auf der Stromleitung, die sich hier, im Süden Italiens, noch wild von Haus zu Haus schlängelt. Mindestens genauso wild treibt es das Taubenpaar. Wenige Meter entfernt, auf der nächsten Leitung, hockt der verschmähte Rivale, allein und ohne eine Chance auf traute Zweisamkeit auf einer Stromleitung. Das Leben kann auch im Frühjahr so ungerecht sein. Ich beginne Maledetta Primavera zu summen.

Voglia di stringersi e poi 
vino bianco, fiori e vecchie canzoni 
e si rideva di noi 
che imbroglio era 
maledetta primavera

(Maledetta Primavera — Loretta Goggi, 1981)

Blühender Borretsch
Blühender Borretsch

Frühling, die schöne Jahreszeit. La bella stagione. Es summt und zwitschert. Jeder, der Flügel sein Eigen nennt, ist unterwegs. Vom Bienensterben ist in meiner kleinen Gartenwelt (noch) nichts zu merken. Maya und Freunde stehen auf Borretschblüten. Der Italiener erzählt mir zum hundersten Male, dass man die Blüten essen kann – mit vorgeführter Degustation versteht sich. Dabei war ich auf Pinterest und habe mich von der perfekten Food und DIY Welt inspirieren lassen. Ich denke mir: Eiswürfel mit Borretschblüten bekomme sogar ich hin.

Borretschblüte im Eiswürfel
Borretschblüte im Eiswürfel

Fazit: Eiswürfel zu fotografieren ist nicht besonders aufregend. Insbesondere, wenn sie nicht so perfekt durchsichtig sind, wie es auf Bildern den Anschein hat. Auch die „Reparier“- Funktion von Snapseed schafft keine Abhilfe. Das nächste Mal versuche ich es mit destilliertem Wasser, was im Sommer aus der Klimaanlage tröpfelt und den darunter stehenden Pflanzen den Tod bringt.

Frühlings Erwachen. Risveglio di Primavera. Mir kommen Melchior und Wendla in den Sinn. Amourösitäten liegen in der Luft. Nicht nur bei den Turteltauben auf der Stromleitung. Auch die Katzen in der Nachbarschaft sind erwacht. Lautstark. Und in meinem romantischen Garten geben sie sich ein Stelldichein. Meine Frühlingsliste auf Spotify wird dramatischer:

Io rinascerò 
cervo a primavera 
oppure diverrò 
gabbiano da scogliera

(Cervo a primavera — Riccardo Cocciante, 1980)

Wenn ich mitsinge, ergreifen selbst die unkastrierten Dorfkater die Flucht. Meine Teilnahme an „The Voice of Italy“ bleibt ausgeschlossen.

Den blühenden Pflaumenbaum fotografiere ich mit Flip Flops an den Füßen. Der März steht vor der Tür und ich hoffe, du wirst grün vor Neid. Ich trage sie selbstverständlich nur im Garten, heimlich und hinter Gartenmauern, bei 19 Grad im Schatten. Heimlich, denn im Süden Italiens wählt man seine Kleidung nach Kalenderdatum – egal wie warm oder kalt es ist. Man sieht hier Kinder bei +12 Grad Celsius mit Mützen, Schals und Handschuhen, wie man sie von Korrespondenten aus dem winterlichen Moskau sieht. Man vermutet im Süden Italiens, dass alle nördliche Wesen ein dominantes Kälte-Resistenzgen ihr Eigen nennen. Nur dies erklärt, warum wir im Mai ein Bad wagen können ohne uns eine doppelseitige Lungenentzündung zu zuziehen.

Alimini Strand bei Otranto

Ich liebe das Frühjahr in Apulien, wenn die weißen, betörend duftenden Freesien blühen. Die Kaktusfeigen plötzlich rote Pickel bekommen, die sich in wenigen Wochen in bunte Blüten verwandeln. Am Meer spazieren zu gehen, das erste Eis in der Hand. Niemand wird Zeuge, wie mir das Schokoladeneis auf den Pullover tropft. Die schönste Jahreszeit im Südosten Italiens.

Am Strand im März (Otranto)

Ich fahre offen und lasse mir den Wind durch die Haare wehen. Die Frisur hält. Natürlich fahre ich kein Cabriolet​, schließlich habe ich einen sabbernden Hund und Garten. Eine offenes Fenster tut es auch. Luca Carboni singt:

E‘ primavera
e mi prende un bisogno di leggerezza
e di pesanti passioni e un sentimento
indefinibile al tramonto
dalla finestra guardo il mondo
e mi viene voglia di tuffarmi
lì dentro

(Primavera — Luca Carboni, 1989)

Primavera. Frühling. Die schönste Zeit des Jahres. Nicht nur in Apulien.

Schopfige Traubenhyanzinthe mit geschlossener Blüte

Bittere Liebe

Apuliens Leidenschaft für eine kleine Zwiebel: Lampascioni

Im Februar zeigen sich die ersten schmalen Blätter. Nur wenige Millimeter sind sie breit und kaum zwischen den grünen Halmen der Gräser auszumachen. Aber mit den ersten Sonnenstrahlen des Frühjahrs reckt sie ihren auffälligen, blau-violetten Schopf in die Höhe und verrät ihren Standort auch dem ungeübten Auge. Ein bunter Farbtupfer in der mediterranen Macchia und an Feldrändern. Im Salento nennen wir sie lampascione (pl. lampascioni), aber sie hat viele Namen hier im Süden. Ihr wissenschaftlicher Name lautet Muscari ComosumSchopfige Traubenhyanzinthe.

Blüte Schopfige Traubenhyanzinthe
Blüte der Schopfigen Traubenhyanzinthe

Die Schopfige Traubenhyanzinthe ist am Mittelmeer beheimatet. Sie wurde aber in warmen Lagen Österreichs und Süddeutschlands eingebürgert, wo sie unter Naturschutz steht (und natürlich nicht gepflückt oder gar ausgegraben werden darf). Mehr dazu unter Bund Naturschutz Bayern e.V.

Im Süden Italiens, insbesondere in Kalabrien, Basilikata und Apulien, aber auch in Griechenland, erfreut sich die Schopfige Traubenhyanzinthe großer Beliebtheit. Dies allerdings weniger aufgrund ihrer dekorativen Blüte. Geliebt wird sie für ihre kleine, braune Zwiebel, die auch dreißig Zentimeter tief in der steinigen Erde steckt. Bei mir im Garten fühlt sie sich ausgesprochen wohl, versät sich ohne mein Zutun und wächst auch zwischen den schmalsten Mauerritzen.

Die kleine Zwiebel der Schopfigen Traubenhyanzinthe
Die kleinen Zwiebeln der Schopfigen Traubenhyanzinthe

Die Zwiebel der Schopfigen Traubenhyazinthen ist ungefähr 3 bis 4 cm groß und von bräunlicher Farbe. Im März ist sie an den Gemüseständen der Wochenmärkte zu finden.

Die Zubereitung der Lampascioni ist einfach, aber zeitaufwendig. Die kleinen Zwiebeln müssen einzeln gut gewaschen und anschließend gehäutet werden. Dann wird das Zwiebelende kreuzförmig eingeschnitten und über mehrere Stunden in Wasser eingelegt. Durch dieses Vorgehen soll die Zwiebel etwas von ihrer Bitterkeit verlieren.

Anschließend werden die Lampascioni in Wasser mit Essig gekocht. Wenn sie gar sind, können sie direkt in Olivenöl, Knoblauch gedünstet und serviert werden. Gerne werden sie auch frittiert gegessen.

Im Salento legt man sie gerne anschließend in Olivenöl ein und verzehrt sie als Vorspeise.

Lampascioni nennt man die Zwiebel der Schopfigen Traubenhyanzinthe in Apulien
Lampascioni

Im Salento darf die Schopfige Traubenhyazinthe nicht auf dem festlich gedeckten Tisch am Vatertag (19. März) fehlen. Le tavole di San Giuseppe in Giurdignano sind eine antike Tradition, die im Hinterland Otrantos bis heute lebendig geblieben ist. Mehr über dieses interessante Fest werde ich schreiben, wenn es wieder möglich ist, solche zu veranstalten bzw. zu besuchen.

Lampascioni auf den "Tavole di San Giuseppe"
Vatertag im Salento: Le Tavole di San Giuseppe in Giurdignano. Lampascioni dürfen auf dem Tisch nicht fehlen.

Wie schmecken Lampascioni?

Sie schmecken ein wenig bitter. Anders kann ich es nicht beschreiben. Einzigartig auf jeden Fall. Apulien liebt bitteres Gemüse – und auch kleine, bittere Zwiebeln. Der Geschmack ist gewöhnungsbedürftig. Entweder man entbrennt in einer bitteren Liebe zu ihr – oder probiert sie einmal und nie wieder.

Selbstverständlich sollen sie ausgesprochen gesund sein, reich an Vitaminen und Spurenelementen, sowie Pektinen und Flavonoiden. Eine blutdruck- und cholesterinsenkende Wirkung wird ihnen zugeschrieben. Als natürliches Aphrodisiakum gilt die Zwiebel der Schopfigen Traubenhyanzinthe ebenfalls. Im wahrsten Sinne des Wortes: eine bittere Liebe.

Wandern im Süden Apuliens (Salento)

Neue Wege

Wandern in Apulien

Herr Hund hat sie lange vor mir gehört und gerochen: Wegelagerer! Und nicht zwei oder drei von den Gesellen, sondern eine große, wilde Horde stellt sich uns in den Weg. Sie tragen Hipster-Bärte und verströmen einen strengen Geruch. Neugierig beäugen sie uns. Ihre Kiefer malmen. Die Mutigsten nähern sich uns langsam. Die Glocken, die sie um ihre langen Hälse tragen, schlagen laut. Der Befehl ihres menschlichen Anführers erklingt. Die neugierige Schar stobt auseinander und gibt uns den Weg frei. Gerne hätte Jack hinterher gesetzt, aber vorsichtigerweise habe ich ihn zuvor an die Leine genommen. Führe einen Border Collie nicht in Versuchung!

Ziege im Süden Apuliens
Wegelagerer im Salento

Wer zu Fuß entlang der Küste Santa Cesarea Terme – Otranto unterwegs ist, trifft regelmäßig auf Schaf- und Ziegenherden. Der Landstrich ist karg und steinig und dem Wind vom Meer ausgesetzt. Ackerbau lässt sich hier kaum betreiben. Bleiben die genügsamen Schafe und die alles fressenden Ziegen, denen kein Dornenbusch heilig ist. Immer hervorragend schmeckt der Ricotta und Käse, der aus ihrer Milch hergestellt wird. Herb oder manchmal auch mild — je nach Saison und der Flora, die gerade wächst und die von den alten Nutztierrassen in schmackhafte Milch umgesetzt wird.

Wandern in Apulien: Vor- und Nachteile

Der Italiener liebt bekanntlich den Fußball. Auch für den Motor- und Radsport ist er zu begeistern. Das Wandern zählt jedoch nicht zu seinen Lieblingssportarten, insbesondere im Süden des Landes. Das bringt Vor- und Nachteile für Wanderer mit sich:

Der Nachteil besteht darin, dass gekennzeichnete Wanderwege noch immer selten sind. Der Salento im Süden Apuliens stellt leider keine Ausnahme dar. Aber Wege gibt es, sogar ausgesprochen schöne, oftmals mit Blick aufs Meer, durch karge Landschaften, die im Frühjahr erblühen und im Hochsommer verführerisch nach Thymian und Oregano duften, um im Herbst, mit den ersten Regenfällen, nach einem langen Sommer, einen zweiten Frühling zu erleben. Langsam ändert sich an der Situation etwas. Der eine oder andere Weg wurde markiert, denn man würde gerne Touristen auch außerhalb der Hauptreisezeit, und nicht nur im Sommer an den schönen Stränden, begrüßen.

Küste Otranto - Santa Maria di Leuca (Apulien)

Abhilfe schafft die Technologie. Außer traditioneller Karten, gibt es einige Apps fürs Smartphone, die dir den Weg weisen. Mein persönlicher und erprobter Favorit ist Komoot, den ich ohne Gegenleistung empfehle, da er sogar die schmalsten tratturi (dt. Maultierpfade) findet.

Aber kommen wir zu den Vorteilen vom Wandern im Süden Apuliens: Du bist meist allein — abgesehen von der einen oder anderen Schaf- und Ziegenherde. Bestenfalls am Wochenende triffst du auf vereinzelte Wanderer und Mountainbikern aus der Umgebung. Deren Verdienst ist es, dass manche Wege überhaupt begehbar sind. Du kannst die Stille hören, dich an der Natur erfreuen und zu Fuß, langsam und in Ruhe, die schönsten Küstenregionen Apuliens entdecken. Was braucht es mehr?

Die beste Jahreszeit zum Wandern im Salento

Die beste Jahreszeit, um Apulien zu Fuß zu entdecken, ist ohne jeden Zweifel das Frühjahr. Von März bis Ende Mai blüht die mediterrane Macchia. Es ist angenehm warm, aber noch nicht zu heiß, um ausgiebige Touren zu unternehmen.

Im Juli und August sind die Temperaturen zu hoch, um tagsüber unterwegs zu sein. Für Frühaufsteher, die keine Mühe scheuen, kann ich kurze Wanderungen am frühen Morgen, zwischen sechs und neun Uhr, empfehlen. Das frühe Aufstehen wird mit spektakulären Sonnenaufgängen belohnt.

Sonnenaufgang an der Küste Santa Cesarea Terme - Otranto (Apulien)
Sonnenaufgang im Hochsommer

Der September ist mittlerweile fast so warm wie der Monat August. Der erste Regen, auf den wir sehnsüchtig nach dem heißen, langen Sommer warten, kommt auch im Salento immer später. Die Nächte mögen bereits kühler sein, aber die Temperaturen bleiben tagsüber noch immer hoch. Lange Wanderungen würde ich daher erst gegen Ende September einplanen.

Wonnemonate sind für Wanderer auch Oktober und November. Der erste Regen, nach den langen Sommermonaten, führt dazu, dass es wieder grünt, wenn auch nicht blüht wie im Frühjahr. Wer Pech hat, kann natürlich ein paar Regentage erwischen. Aber mit ihnen ist in nördlichen Regionen bekanntlich auch im Sommer zu rechnen.

Der Dezember und Januar sind die kältesten Monate. Regelmäßig fegt der kalte Tramontana Wind vom Balkan über den Salento. Mit entsprechender Bekleidung stehen auch diesen Monaten Wanderungen nichts im Wege. Die kühle, klare Luft garantiert an vielen Tagen eine spektakuläre Fernsicht. An der ionischen Küste im Westen ist das Gebirge der Basilikata und Kalabriens regelmäßig zu sehen. Die Ostküste, von Otranto bis Tricase, bietet Fernblicke zu den verschneiten Gipfeln Albaniens und den Diapontischen Inseln Griechenlands.

Die Berge Albaniens von Italien aus gesehen
Leider nur mit dem Handy geknipst: Die Berge Albaniens von Italien aus gesehen (Januar 2021)

Der Februar gibt einen kleinen Vorgeschmack auf den kommenden Frühling. Sonnige Tage mit idealen Temperaturen zum Wandern sind keine Ausnahme. Die ersten zarten Knospen an wilden Birnenbäumen zeigen sich. Gänseblümchen blühen unter Olivenbäumen.

Der Salento ist flach und weist nur wenige Steigungen auf. Daher ist er auch für weniger erfahrene und trainierte Wanderer geeignet. Passende Kleidung, bequeme Schuhe und etwas zum Trinken sind in der Regel ausreichend.

Wandern mit Hund im Süden Apuliens
Unterwegs im Süden Apuliens: Border Collie Jack und meine Wenigkeit

Da ich fast täglich zu Fuß unterwegs, entstand die Idee auch auf Pen & Sea über meine Wanderungen und Erkundungstouren zu berichten. Immer mit von der Partie ist Border Collie Jack. Über die Landschaft, Fauna und Flora werde ich detailliert in den einzelnen Blogposts eingehen.

Zitronen - frisch vom Baum

Betrunkene Zitronen

Die Äste biegen sich unter ihrer gelben Last. Zitronen, Zitronen und nochmals Zitronen. Noch nie hat unser Zitronenbaum so reich getragen. Eine gelbe Vitaminbombe hängt seit Januar über meinem Kopf. Wir schätzen, dass es um die fünfzig oder gar sechzig Kilo sind. So viel Vitamin C kann ich weder im Wasser noch im Tee zu mir nehmen. Es stellt sich also die Frage: Was in aller Welt mache ich mit den vielen Zitronen?

Zitronenbaum mit Reifen Zitronen im Februar in Apulien
Unser Zitronenbaum im Februar

Ich fange mit Limoncello an. Ein einfaches Rezept, wo nicht viel bei schief gehen kann. Zwar bin ich kein großer Fan des süßen Getränks, aber als Geschenk oder Mitbringsel kommt es immer gut an – vor allem, wenn er auch noch aus den eigenen Zitronen hergestellt wurde.

Zutaten für ca. 2 Liter Limoncello

  • 8 bis 10 Bio-Zitronen
  • 1 Liter Weingeist 95 %
  • 600g Zucker
  • 1,2 Liter Wasser

Die Zitronen gut waschen und abtrocknen. Anschließend mit einem Sparschäler die Zitronen dünn schälen. Es sollte möglichst wenig „weiß“ an den Schalen zu sehen sein. Am besten eigenen sich Zitronen, die noch etwas grün sind (wie im ersten Bild zu erkennen ist). Die Schalen unreifer Zitronen sollen aromatischer sein – aber vor allem lassen sie sich besser schälen.

Dünne Zitronenschalen für die Herstellung von Limoncello
Zitronenschalen dünn geschält

Die dünnen Schalen in einen verschließbaren Glasbehälter mit einem Fassungsvermögen von mindestens 2,5 l geben. Die Zitronen nun mit Weingeist komplett bedecken und an einem dunklen und kühlen Ort zehn Tage ziehen lassen. Einmal am Tag kräftig umrühren.

Und nun heißt es abwarten. Ich habe die Zitronenschalen zehn Tage ziehen lassen. Einige schreiben, dass sieben Tage ausreichend seien. Noch andere Rezepte schreiben sogar von zwanzig Tagen. Bei mir waren zehn Tage mehr als ausreichend.

Zitronenschale im Weingeist
Betrunkene Zitronen

Nach zehn Tagen hat der Alkohol eine gelbe Farbe angenommen und riecht eindeutig nach Zitrone. Nun das Wasser zum Kochen bringen und den Zucker darin auflösen. Wer den Limoncello etwas süßer mag, kann die Zuckermenge auch erhöhen. Das Zuckerwasser abkühlen lassen.

Das abgekühlte Zuckerwasser nun zu den Zitronenschalen geben und kräftig umrühren. Der Limoncello nimmt seine charakteristische, kräftig gelbe Farbe an.

Durch ein Küchensieb in einen zweiten Behälter filtieren – und schon ist der Limoncello bereit in Flaschen abgefüllt zu werden. Ich sterilisiert die Glasflaschen vor dem Abfüllen. Den Limoncello kühl und dunkel lagern.

Limoncello selber machen
Cin Cin – Limoncello selbst gemacht

Am besten schmeckt der Limoncello gekühlt oder auf Eis. Sobald es es auch bei uns im Süden beginnt nach Frühling zu riechen, werde ich einen Limoncello Spritz ausprobieren und hier vorstellen. Der Prosecco steht bereits kalt 😉

Tipp: Da bei der Zubereitung von Limoncello ausschließlich die Zitronenschalen verwendet werden, das Fruchtfleisch auspressen, durch ein feines Küchensieb filtrieren und den Zitronensaft in Eiswürfelschalen einfrieren – und fertig ist der Zitroneneiswürfel!

geöffnete Seeigel

Kugelige Stachelhäuter als delikater Gaumenkitzel

Am Mittelmeer gelten sie vielerorts als Delikatesse. Aber wie schmecken Seeigel und wie isst man die stacheligen Meeresbewohner?

Des einen Freud ist des anderen Leid. Viele Schwimmer fürchten den direkten Kontakt mit dem kugeligen Stachelhäuter. Ganz anders reagieren die Einwohner Süditaliens und Griechenlands, wenn sie Echinoidea erblicken: Das Wasser läuft ihnen im Mund zusammen und reflexartig suchen sie ein Messer oder eine Schere, um noch an Ort und Stelle das arme Tier zu verzehren. Denn ein Seeigel bietet nicht nur schmerzhafte Stacheln, sondern auch delikate Gaumenfreuden.

Frühjahr im Salento. Die Sonne strahlt über dem Südosten Italiens und die Quecksilbersäule überschreitet bereits die zwanziger Marke. Es sind die letzten Tage, um meine bevorzugten Meeresbewohner zu genießen, denn im Mai beginnt in Apulien die Schonzeit für Seeigel (fermo biologico), die sowohl den Fang als auch den Verkauf der Stachelhäuter verbietet. Im Salento ist Porto Badisco ein beliebtes Ausflugsziel, um Seeigel zu verzehren. Am Wochenende muss man vorbestellen. Aber auch in anderen Orten an der adriatischen und ionischen Küste werden die Tiere selbstverständlich verkauft.

Seeigel

Wer zum ersten Mal kulinarischen Kontakt mit Seeigeln aufnehmen möchte, ersteht sie am besten bereits geöffnet im Lokal. In der Regel bezahlt man sie nach Stückzahlt. Der Preis liegt bei ca. 45 Cent pro Seeigel. Spätestens nach der Bestellung stellt sich die Frage, wie man die stacheligen Meerestiere zu sich nimmt. Übung macht den Meister, aber für “Anfänger” empfiehlt sich ein zunächst ein kleiner Löffel. Man nimmt vorsichtig den geöffneten Seeigel in die Hand und löffelt sie einfach aus. Wer etwas mutiger geworden ist, kann es auch mit etwas weichem Brot probieren. Spätestens nach dem zehnten Seeigel seid ihr auf dem Geschmack gekommen und beginnt ohne Hilfsmittel den Inhalt zu “schlürfen”.

Seeigel öffnen
Eine „professionelle“ Schere, um Seeigel zu öffnen

Verzehrt werden die fünf sternförmig angeordneten Gonaden oder Keimdrüsen der Seeigel. Im Süden Italiens sagt man, dass nur die weiblichen Tiere gegessen werden. Der Volksmund behauptet, dass die männlichen Seeigel schwarze Stacheln haben und die weiblichen Tiere hellere, die bräunlich oder auch lila schimmern. Tatsache ist, dass man sowohl weibliche als auch männliche Seeigel zu sich nimmt. Es stimmt, dass die rein schwarzen Tiere sehr kleine Keimdrüsen besitzen und daher für den Verzehr weniger interessant sind, aber es handelt sich um eine andere Spezies und nicht um einen männlichen Vertreter seiner Art. Äußerlich kann man nicht das Geschlecht eines Seeigels feststellen

Wie schmecken Seeigel?

Es ist schwierig zu beschreiben. Nach Meer natürlich. Leicht salzig mit einem süßlichen Aroma. Probiere sie einfach, wenn du die Gelegenheit hast. Wer Meeresfrüchte mag, wird sicherlich auch von den Keimdrüsen der Seeigel begeistert sein. Solltest Du Hilfestellungen zum “wie isst man die kugeligen Stachelhäuter” brauchen, Einheimische werden Dir gerne weiterhelfen, vielleicht etwas lachen, aber ihre Freude daran haben zu sehen, wie Nord- und Mitteleuropäer kulinarische Traditionen Südeuropas entdecken.

Der Genuss von Seeigeln hat leider auch seine Schattenseiten: Vielerorts sind Seeigel überfischt, die Bestände schrumpfen. Im Frühjahr 2020 konnten die Seeigel vielleicht einmal kurz durchatmen, denn Italien war im totalen Lockdown. Ich esse selbst Seeigel unglaublich gerne, aber leider nicht mehr mit gutem Gewissen. Vielleicht wäre es vernünftig, einige Jahre auf sie verzichten, damit die Bestände eine Chance haben sich zu erholen.