Basilikata, Slow Travel

Sassi di Matera

Matera Basilicata

Unser erstes Treffen fand an einem kühlem Märztag unter grauem Himmel statt. Ein kalter Wind wehte durch die Schlucht. Du gabst Dich melancholisch und düster. Aber deine grauen, höhlenartigen Behausungen, die sich eng an die kargen Felsen schmiegen, sollten mir in Erinnerung bleiben. Das ansonsten heitere Süditalien, präsentierte sich mir ungewohnt elegisch. Matera und die berühmten Sassi haben mich bei meinem ersten Besuch sehr beeindruckt, wenn auch auf eine schwermütige Art und Weise.

Einst galt Matera als Schandfleck Italiens. Von der Malaria heimgesucht, lebten tausende von Menschen unter primitivsten Bedingungen in Höhlensiedlungen, die unter dem Namen Sassi di Matera bekannt sind. Carlo Levis Schwester Luisa berichtet von ihrem Besuch in Matera in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts:

Die Türen standen wegen der Hitze offen, und ich sah in das Innere der Höhlen, die Licht und Luft nur durch die Tür empfangen. […] Auf dem Boden lagen Hunde, Schafe, Ziegen und Schweine. Im allgemeinen verfügt jede Familie nur über eine solche Höhle, und darin schlafen alle zusammen […]. So leben zwanzigtausend Menschen.

Levi, Carlo: Christus kam nur bis Eboli. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 2006 S. 92–93

Seit der Erscheinung des Buches Christus kam nur nach Eboli ist viel Zeit ins Land gegangen. Die Sassi di Matera zählen seit 1993 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Der einstige Schandfleck Italien hat sich gewandelt. Heute findet man in der Altstadt Materas hübsche Boutiquehotels, Bed & Breakfast und sogar Fünf-Sterne-Hotels mit Spa, die sich harmonisch in die alte Siedlung einfügen.

Mein erster Besuch in Matera liegt fünfzehn Jahre zurück. Damals hat die Stadt noch einen melancholischen Eindruck auf mich gemacht, wobei das graue Wetter sicherlich nicht ganz unschuldig war. Umso überraschter war ich von den positiven Veränderungen, die ich bei meinem diesmaligen Aufenthalt feststellen konnte. Wären nicht die berühmten Sassi gewesen, ich hätte die Stadt fast nicht wiedererkannt. Die Atmosphäre hat sich gewandelt. Die Stadt Matera hat ihre kleine Revanche bekommen und verdienterweise wurde der einstige Schandfleck Italiens im Herbst 2014 zur Kulturhauptstadt Europas 2019 gewählt. Weitere Informationen unter Matera Capitale europea della cultura 2019.

Sassi di Matera

Bei wolkenverhangenem Himmel erweckt Matera noch heute einen melancholischen Eindruck. Aber darin besteht der besondere Reiz der lukanischen Stadt. Für meinen diesmaligen Besuch habe ich mehr Zeit mitgebracht, um die Sassi di Matera bei Tag und Nacht zu fotografieren. Und Matera hat ihr Bestes gegeben und mich in einem Zeitraum von 24 Stunden mit Sonnenschein, Wolken und Sturzregen bedacht.

Matera
Auf die Schnelle noch ein Bild, bevor ich im nächsten Lokal Zuflucht vor dem Regenguss suchen musste
Matera bei Nacht
Besonders reizvoll bei Nacht: die Altstadt von Matera

Um die Altstadt von Matera und die faszinierende Höhlensiedlungen zu erkunden, die am Felsen über der Gravina kleben, sollte man ausreichend Zeit mitbringen. Wer mit eigenen Augen sehen möchte, wie es sich noch bis in die fünfziger und sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts in einer solchen Felsenhöhle lebte, kann das Museum Storica Casa Grotta di Vico Solitario besuchen. Was heute, restauriert und mit Designmöbeln ausgestattet, den kleinen Boutique Hotels im historischen Zentrum ein “stylisches” Flair verleiht, war damals bittere Armut. Der eine oder andere ältere Einwohner wird sich wahrscheinlich noch immer darüber wundern, wie begehrt mittlerweile seine einstige Unterkunft geworden ist.

UNESCO Weltkulturerbe Sassi di Matera

An Kirchen herrscht, wie überall in Italien, auch in Matera kein Mangel. Es gilt die Kathedrale Madonna della Bruna e di Sant’Eustachio, die Kirche San Pietro Caveoso oder die Felsenkirche Santa Maria dell’Idris zu besichtigen — um nur einige Beispiele zu nennen. Besonders angetan war ich von der Kirche Chiesa del Purgatorio (dt. Kirche des Fegefeuers), die fast neuzeitlich anmutet, wenn man zuvor Höhlenkirchen besichtigt hat. Von allen Gotteshäusern, die ich im vergangenen Jahr besichtigt habe, gehört sie mit Abstand zu den “Makabersten” ihrer Art. Aber überzeuge Dich selbst:

Matera als Filmkulisse

Bereits in den sechziger Jahren drehte Pier Paolo Pasolini Szenen des Matthäusevangelium in Matera. International bekannt wurde die Stadt der Sassi durch den Mel Gibson Film Die Passion Christi. Matera war Drehort für den Remake von Ben Hur. Wenn ihr die Sassi di Matera besucht, werdet ihr schnell nachvollziehen können, warum der Ort prädestiniert für Historienfilme ist: Die Höhlenwohnungen bilden eine perfekte Kulisse für Filmaufnahmen.

Und natürlich darf er nicht fehlen: Bond, James Bond. Im September 2019 rast James alias Daniel Craig mit seinem treuen Aston Martin durch Matera. Weitere Szenen für No time to Die wurden übrigens auch in dem nahen Städtchen Gravina in Puglia gedreht.

Anreise Matera

Je tiefer Du in den Süden Italiens kommst, desto spärlicher wird das Schienennetz und die öffentlichen Verkehrsmittel. Der einfachste Weg das Land zu erkunden ist, insbesondere im Mezzogiorno, noch immer das eigene Auto.

Matera ist vom Flughafen Bari mit Puglia Airbus zu erreichen. Für Informationen: https://www.aeroportidipuglia.it/

Es besteht von Bari aus die Möglichkeit Matera mit der Ferrovie Appulo Lucane zu erreichen. Eine kostengünstige, allerdings auch langsame Art und Weise von Apulien in die Basilikata zu gelangen – oder slow travel wörtlich genommen.

Matera ist bis heute nicht an das nationale Schienennetz angebunden. Wer jedoch, zum Beispiel, von Rom nach Matera reisen möchte, findet Verbindungen auf der Webseite von Trenitalia. Bei Freccialink handelt es sich um eine Busverbindungen und nicht um einen Schnellzug. Der Bahnhof Ferrandina – Scalo Matera, liegt circa 35 km von Matera entfernt. Neue Verbindungen nach Matera sind geplant, sollen aber nicht vor 2026 fertig gestellt werden.

Übernachten in Matera

In den Sassi findet man einige sehr schöne und luxuriöse Unterkünfte. Zu den bekannten Hotels gehören Le Grotte della Civita (Sextantio) und Palazzo Gattini – immer wieder gerne in den verschiedenen Lifestyle Magazinen abgebildet. Nach einem kurzen Blick in mein Portemonnaie – und mit Rücksicht auf meinen vierbeinigen Begleiter – habe ich mich für eine kleine Ferienwohnung unweit der Kathedrale in der Altstadt entschieden. Berücksichtige jedoch, dass die Altstadt von Matera für den Verkehr gesperrt es und auch keine direkten Parkmöglichkeiten bestehen. Eine Einschränkung, die sich aber lohnt, um einmal mitten in den Sassi di Matera zu übernachten.

Einen sehr schönen Reisebericht über Matera findet Du auch bei Nicole von Freibeuter Reisen. Sie hat Matera on Board einer Ape Calessino besichtigt.

Die meisten Besucher Materas sind Tagestouristen aus Apulien. Die Basilikata ist jedoch mehr als eine Stippvisite in Matera wert. Der Nationalpark Pollino und die lukanischen Dolomiten, die langen Sandstränden am Ionischen Meer oder die verlassene Geisterstadt Craco – sind nur ein paar der Gründe für die es sich eine Reise in die Basilikata lohnt.

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".