Apulien, Slow Travel

Die weißen Städte Apuliens

Kaktusfeige

Eine Reise durch die Valle d’Itria

Die Blätter der knorrigen Olivenbäume flirren silbrig in der Mittagshitze. Trockensteinmauern säumen Wege und Felder. Trulli mit Zipfelmützen, Orecchiette und Wein, rot wie die Erde. Ewig knattert die Vespa und hupt der Fiat Cinquecento. Azurblau das Meer und der Himmel, gegen den sich weiß gekalkte Häuser abheben.

Der Absatz Italiens und seine Klischees. Natürlich stimmen sie nicht immer mit der Realität Apuliens überein, aber das eine und andere Körnchen Wahrheit enthalten sie. Kaum ein anderer Landstrich Apuliens entspricht diesen – schön anzusehenden und gut schmeckenden – Klischees mehr als die Gegend rund um Ostuni, Cisternino, Locorotondo und Martina Franca. Auf geht es zu einer bilderreichen Reise durch die Valle d’Itria.

Die weiße Stadt Ostuni

Die weiße Stadt Ostuni

La città bianca Ostuni darf auf keiner Rundreise durch Apulien fehlen. Mit Grund ist sie bei Touristen sehr beliebt. Mir gefällt bereits die Anfahrt: Wenn man von der Superstrada Bari-Lecce abbiegt, sieht man in der Ferne die schöne, weiße Stadt auf dem Hügel thronen. Und apropos Klischees: Die Straße führt durch Haine von uralten, knorrigen Olivenbäumen. Wenn Du auf der Suche nach diesen fotogenen Zeitzeugen Apuliens bist, rund um Ostuni wirst Du fündig werden.

Ich parke in der Neustadt Ostunis und steuer zielstrebig die zentrale Piazza an. Die Piazza della Libertà ist Treffpunkt und Übergang zur Altstadt zugleich. Hier wacht, mitten auf der Straßenkreuzung, der Schutzpatron Ostunis, Sant’Oronzo, auf einer barocken Säule über seine Schäfchen.

Ich würdige die Souvenirläden in der Via Cattedrale keines Blickes. Stattdessen biege ich in eine der zahlreichen schmalen Gassen in der Altstadt von Ostuni ab. Man kann nachvollziehen, warum sich das Städtchen zu einem der Hauptattraktionen des Tourismus in Apulien entwickelt hat: Das Labyrinth an Gassen und Gässchen ist faszinierend, pittoresk und manchmal, aber nicht immer, für Touristen herausgeputzt. Die Bilder im Artikel entstanden in Frühjahr, Herbst und auch im Winter. Ich besuche selbst, auch wenn ich bei Otranto lebe, immer wieder gerne Ostuni. Nur im Juli und August überlasse ich sie den Touristen, wenn die Altstadt aus allen Nähten platzt.

Die Kathedrale aus dem 15. Jahrhundert überragt die Altstadt von Ostuni. Ihre Fassade präsentiert sich im romanisch-gotischen Stil. Eine aufwendige Fensterrose fungiert als gelungener Blickfang. Und dann passiert es auch mir: Als ich durch das Hauptportal schreiten möchte, wird tatsächlich das erste Mal von mir Eintritt in eine Kirche verlangt. Der zu entrichtende Obolus beträgt lediglich einen Euro, aber es drängte sich mir kurz der Gedanke an unsere letzte Steuererklärung, inklusive der darin enthaltenen italienische Variante der Kirchensteuer, auf. Die Messen sind selbstverständlich weiterhin kostenlos. Lecce folgte dem Beispiel Ostunis wenig später. Auch dort sind die meisten Kirchen mittlerweile kostenpflichtig. Mehr dazu in einem separaten Artikel.

Tür Altstadt Ostuni
Door to Heaven und hipper Instagram-Spot

Als Entschädigung entdecke ich die Pforte zum Himmel in der Altstadt von Ostuni. Auch sie ist nicht frei von Klischees: blauer Himmel, blaue Tür, weiß gekalkte Mauer und als I-Tüpfelchen darf die anspruchslose Kaktusfeige nicht fehlen. Die Tür hat sich zum hippen Instagram-Spot entwickelt.

Im Land der Trulli: Cisternino

In Apulien gewesen zu sein und nicht zumindest einen Trullo fotografiert zu haben, kommt (fast) einem Sakrileg nahe. Von Ostuni bis nach Cisternino sind es nur ca. 15 km. Wenn man die Landstraße entlang fährt, bemerkt unweigerlich, dass man im Land der Trulli angekommen ist. Cisternino liegt in der Valle d’Itria (Itriatal), was auch als Tal der Trulli bekannt ist (es handelt sich allerdings nicht um ein Tal im eigentlichen Sinne, sondern um eine schalenförmiges Plateau). Hier sieht man hunderte von Trulli verstreut in der Landschaft. Viele von ihnen wurden in den letzten Jahren in exklusive Ferienunterkünfte umfunktioniert. Andere sind noch immer dem Verfall ausgesetzt. Die Landschaft ähnelt hier, mehr als anderswo in Apulien, einem gepflegten Garten. Der Vergleich mit Hobbingen drängt sich einem unweigerlich auf. Cisternino zählt übrigens zu den Borghi più belli d’Italia (die schönsten Dörfer Italiens).

Trulli in Apulien
Trulli in der Valle d’Itria

Es ist Mittag, als ich in Cisternino ankommen und der Hunger macht sich bemerkbar. Auf der Suche nach dem traditionellen Lokal, was mir empfohlen wurde, verlaufe ich mich im Gewirr der Altstadtgassen. An jeder Ecke duftet es verführerisch und der Magen beginnt zu knurren. Der Süden Apuliens ist als Paradies für Vegetarier bekannt. In Cisternino kommen jedoch auch Flexitarier und Carnivore auf ihre Kosten.

Wie üblich im Süden, beginnt das Essen mit einer gemischten Vorspeisenplatte. Als Hauptgang gibt es carni miste al fornello, eine gemischte Fleischplatte mit Lamm, Leber, hausgemachten Würstchen, Capocollo und Bombette. Das Fleisch wird traditionell im Holzofen zubereitet und für ca. 15 Euro pro Kilo verkauft. Im Menu findet man auch “exotische” Gerichte, wie Entrecôte vom Büffel und Eselfleisch.

Gut gestärkt besichtig sich jede Altstadt wesentlich besser. Cisternino kann es zwar architektonisch nicht mit Ostuni aufnehmen, aber sehenswert ist das historische Zentrum auf jeden Fall. Das Labyrinth an Gassen war für mich hier besonders verwirrend; zumindest bin ich mehrmals im Kreis gelaufen.

Weiß und rund: Locorotondo

Ob Locorotondo, der runde Ort, tatsächlich kreisförmig auf dem Hügel der Murge angelegt ist, kann ich aus meiner heutigen Perspektive nicht nachvollziehen. Aber von allen weißen Städten hat mir Locorotondo immer am besten gefallen. Das Städtchen steht ein wenig im Schatten des nahen und bekannteren Alberobello, was der Atmosphäre allerdings alles andere als schadet.

In Apulien ist Locorontondo für seine Weißweine bekannt. Ja, Du hast richtig gelesen: Weißwein aus Apulien. In der Regel bevorzugt man den roten Rebensaft, der gleichzeitig einer der Exportschlager Apuliens ist. Nero di TroiaPrimitivo di Manduria und Negroamaro gehören zu den bekanntesten Weinreben. In Locorotondo ist man hingegen stolz auf seine hervorragenden Weißweine.

Locorotondo

Locorotondo zählt nicht nur zu den Borghi più belli d’Italia, sondern ist außerdem Träger der renommierten Bandiera Arancione, ein vom Touring Club Italiano vergebenes Qualitätssiegel für Tourismus und Umwelt. Ich promeniere durch die Gassen der Altstadt, bewundere den Torre dell’Orologia, den Palazzo Morelli und werfe einen Blick auf die Chiesa Madre San Giorgio Martire. An den pittoresken Balkonen, Hauseingängen, Treppen und romantischen Winkeln kann ich mich kaum satt sehen. Die weiß getünchten Häuser mit den hübschen Giebeln blenden in der Nachmittagssonne. Ein Eldorado für Fotografen und Liebhaber mediterraner Altstädte. An den Bildern ist vielleicht zu erkennen, warum Locorotondo mein Favorit unter den weißen Städten Apuliens ist.

Zum Abschied bekomme ich vom Belvedere in Locorotondo einen schönen Blick über die Valle d’Itria geboten. Die Versuchung ist groß, auf die Schnelle die wenigen Kilometer von Locorotondo bis in die Hauptstadt der Trulli zu fahren. Es ist schon einige Zeit her, als ich das letzte Mal in Alberobello gewesen bin. Aber für heute begnüge ich mich damit aus dem Auto die pittoresken Trulli zu fotografieren. Dem UNESCO-Weltkulturerbe Alberobello werde ich einen eigenen Artikel auf Pen & Sea widmen.

Weiß und barock: Martina Franca

Mit fast 50 000 Einwohnern zählt Martina Franca zu den größeren Städten in der Valle d’Itria. In Apulien ist die Stadt für seinen schmackhaften capocollo und die autochthone Großeselrasse bekannt. Ausländische Besucher sind sicherlich mehr an der barocken Altstadt interessiert. Der hiesige Barock ist weniger verspielt und pompös als im südlicheren Lecce.

Ich betrete die Altstadt von Martina Franca durch die Porta di Santo Stefano auf welcher der Schutzpatron der Stadt, Sankt Martin, hoch zu Ross thront. Zu meiner Linken befindet sich der Palazzo Ducale aus dem 17. Jahrhundert, der zwar nie vollendet wurde, aber immerhin 300 Räume hinter seiner überraschend schlichten Fassade vorweisen kann.

Nach wenigen hundert Metern gelange ich zur Piazza Plebiscito, wo ich die barocke Fassade des Doms von Martina Franca bewundere. Auch hier fungiert San Martino wieder als gelungener Blickfang. Zur Linken wird der Platz von dem Palazzo dell’Università (auch Palazzo della Corte) und einem Uhrenturm umschlossen.

Dom von Martina Franca
Fassade des Doms von Martina Franca. Wie der Name bereits verrät, ist San Martino der Schutzpatron der Stadt. Gefeiert wird dieser, außer am 11. November, auch in der ersten Juliwoche.

Besser als alle Palazzi und barocken Kirchfassaden gefällt mir allerdings das Labyrinth an schmalen Gassen in der Altstadt von Martina Franca. Zwar habe ich im Büro der Pro Loco einen Stadtplan erstanden, aber nützlich war er mir letztendlich doch nicht. Irgendwann gebe ich auf und spaziere ohne Ziel durch die Sträßchen. An Fotomotiven herrscht in Martina Franca definitiv kein Mangel.

Heute endet hier meine Tour durch die Weißen Städte Apuliens. Aber auf Martina Franca bzw. seinen langohrigen Vertreter auf vier Hufen werde ich in Kürze nochmals zurückkommen. Ich hatte die Gelegenheit eine Masseria zu besuchen, wo diese alte Eselrasse noch heute gezüchtet wird. Und bei der Gelegenheit gehe ich auf die Frage ein: Was ist überhaupt eine Masseria?

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".