Natur und Meer

Primavera

Blüte des wilden Knoblauchs

Frühling. Primavera. Liebe liegt in der Luft. Letzteres ist wörtlich zu nehmen. Zwei Turteltauben – ich meine die gefiederten Tiere – treiben es live vor meinen Augen auf der Stromleitung, die sich hier, im Süden Italiens, noch wild von Haus zu Haus schlängelt. Mindestens genauso wild treibt es das Taubenpaar. Wenige Meter entfernt, auf der nächsten Leitung, hockt der verschmähte Rivale, allein und ohne eine Chance auf traute Zweisamkeit auf einer Stromleitung. Das Leben kann auch im Frühjahr so ungerecht sein. Ich beginne Maledetta Primavera zu summen.

Voglia di stringersi e poi 
vino bianco, fiori e vecchie canzoni 
e si rideva di noi 
che imbroglio era 
maledetta primavera

(Maledetta Primavera — Loretta Goggi, 1981)

Blühender Borretsch
Blühender Borretsch

Frühling, die schöne Jahreszeit. La bella stagione. Es summt und zwitschert. Jeder, der Flügel sein Eigen nennt, ist unterwegs. Vom Bienensterben ist in meiner kleinen Gartenwelt (noch) nichts zu merken. Maya und Freunde stehen auf Borretschblüten. Der Italiener erzählt mir zum hundersten Male, dass man die Blüten essen kann – mit vorgeführter Degustation versteht sich. Dabei war ich auf Pinterest und habe mich von der perfekten Food und DIY Welt inspirieren lassen. Ich denke mir: Eiswürfel mit Borretschblüten bekomme sogar ich hin.

Borretschblüte im Eiswürfel
Borretschblüte im Eiswürfel

Fazit: Eiswürfel zu fotografieren ist nicht besonders aufregend. Insbesondere, wenn sie nicht so perfekt durchsichtig sind, wie es auf Bildern den Anschein hat. Auch die „Reparier“- Funktion von Snapseed schafft keine Abhilfe. Das nächste Mal versuche ich es mit destilliertem Wasser, was im Sommer aus der Klimaanlage tröpfelt und den darunter stehenden Pflanzen den Tod bringt.

Frühlings Erwachen. Risveglio di Primavera. Mir kommen Melchior und Wendla in den Sinn. Amourösitäten liegen in der Luft. Nicht nur bei den Turteltauben auf der Stromleitung. Auch die Katzen in der Nachbarschaft sind erwacht. Lautstark. Und in meinem romantischen Garten geben sie sich ein Stelldichein. Meine Frühlingsliste auf Spotify wird dramatischer:

Io rinascerò 
cervo a primavera 
oppure diverrò 
gabbiano da scogliera

(Cervo a primavera — Riccardo Cocciante, 1980)

Wenn ich mitsinge, ergreifen selbst die unkastrierten Dorfkater die Flucht. Meine Teilnahme an „The Voice of Italy“ bleibt ausgeschlossen.

Den blühenden Pflaumenbaum fotografiere ich mit Flip Flops an den Füßen. Der März steht vor der Tür und ich hoffe, du wirst grün vor Neid. Ich trage sie selbstverständlich nur im Garten, heimlich und hinter Gartenmauern, bei 19 Grad im Schatten. Heimlich, denn im Süden Italiens wählt man seine Kleidung nach Kalenderdatum – egal wie warm oder kalt es ist. Man sieht hier Kinder bei +12 Grad Celsius mit Mützen, Schals und Handschuhen, wie man sie von Korrespondenten aus dem winterlichen Moskau sieht. Man vermutet im Süden Italiens, dass alle nördliche Wesen ein dominantes Kälte-Resistenzgen ihr Eigen nennen. Nur dies erklärt, warum wir im Mai ein Bad wagen können ohne uns eine doppelseitige Lungenentzündung zu zuziehen.

Alimini Strand bei Otranto

Ich liebe das Frühjahr in Apulien, wenn die weißen, betörend duftenden Freesien blühen. Die Kaktusfeigen plötzlich rote Pickel bekommen, die sich in wenigen Wochen in bunte Blüten verwandeln. Am Meer spazieren zu gehen, das erste Eis in der Hand. Niemand wird Zeuge, wie mir das Schokoladeneis auf den Pullover tropft. Die schönste Jahreszeit im Südosten Italiens.

Am Strand im März (Otranto)

Ich fahre offen und lasse mir den Wind durch die Haare wehen. Die Frisur hält. Natürlich fahre ich kein Cabriolet​, schließlich habe ich einen sabbernden Hund und Garten. Eine offenes Fenster tut es auch. Luca Carboni singt:

E‘ primavera
e mi prende un bisogno di leggerezza
e di pesanti passioni e un sentimento
indefinibile al tramonto
dalla finestra guardo il mondo
e mi viene voglia di tuffarmi
lì dentro

(Primavera — Luca Carboni, 1989)

Primavera. Frühling. Die schönste Zeit des Jahres. Nicht nur in Apulien.

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".