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Nenn‘ mich nicht Möhre!

Bunte Möhren aus Apulien

“Sono di produzione propria!” versichert mir der Gemüsehändler hinter seinem Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt in Poggiardo. Die gelb-lila Rüben aus dem eigenen Anbau lachen mich verführerisch an. “Prendo due chili di carote”, antworte ich ohne zu zögern. “Ma no, signora! Dies sind keine Möhren, sondern pestanache”, werde ich höflich, aber bestimmt, korrigiert.

Auch wenn ich sie nicht Möhren nennen darf, so handelt es sich doch um eine lokale Möhrensorte, und nicht um eine Pastinake, wie der Name es nahelegt. In Süditalien nennt man vielerorts die Karotte pastinaca, prestinaca oder eben auch pestanaca.

Die Pestanaca Sant’Ippazio wird heute fast ausschließlich rund um den kleinen Ort Tiggiano, im südlichen Salento, in der Nähe von Tricase angebaut. Einst war sie in der gesamten Provinz Lecce verbreitet — woran sich auch mein Schwiegervater noch erinnert. Eine Info, für die ich zwei Veranstaltungen über lokale Landwirtschaft besuchen musste, um sie aus ihm heraus zu kitzeln.

Heute ist die pestanaca auch im Salento selten geworden. Die gewöhnliche und billiger produzierte Standardmöhre hat ihren Platz beim Gemüsehändler und im Supermarkt eingenommen

Buntes Möhrengemüse: die Pestanca di Tiggiano

Sie sind ähnlich und ohne jeden Zweifel miteinander verwandt, aber doch sehr unterschiedlich. Die Pestanaca Sant’Ippazio fällt zunächst durch ihre gelb-lila Farbe auf. Appetitlich sieht sie auf jeden Fall aus. Aber der Geschmack macht den Unterschied: Sie ist sehr viel saftiger als Karotten aus dem Supermarkt. Feiner die Schale, sanfter, aber nicht süßlicher im Geschmack. Roh am Stück oder kurz gedünstet — je weniger sie verarbeitet wird, desto besser bleibt ihr einzigartiger Geschmack erhalten. Das ist zumindest meine persönliche Meinung zu ihre Zubereitung. Außerdem wird ihr nachgesagt, dass sie eine höhere Nährwertqualität besitzt als handelsübliche Möhren. Es ist übrigens nicht nötwendig sie zu schälen.

Ausgesät wird sie Ende August. Die Ernte erfolgt in den Wintermonaten. Damit ist die pestanaca perfekt an das Klima im Süden Apuliens angepasst. Der Verbrauch an Wasser ist somit gering, was wiederum den Einsatz von Pestiziden reduziert.

Am Abend des 18. Januars findet jährlich ihr zu Ehren “La Sagra della Pestanaca” in Tiggiano statt. Sagre (Sg. Sagra) sind im Salento Feste, die lokalen kulinarischen Spezialitäten und landwirtschaftlichen Produkten gewidmet sind. Am 19. Januar folgt das Patronatsfest zu Ehren des Sant’Ippazio, der gleichzeitig auch Schutzpatron der männlichen Geschlechtsorgane ist, statt. Außer der besagten Möhrensorte, stehen auch kleine, kugelförmige, karamellisierte giuggiole (Chinesische Datteln) zum Verkauf. Die Anspielung auf die männlichen Geschlechtsorgane wäre somit komplett. Ob Sant’Ippazio sich auch positiv auf die Gesundheit und Virilität der männlichen Einwohner Tiggianos und Umgebung auswirkt, wurde mir bislang noch nicht wissenschaftlich bestätigt ;-). Tiggiano soll übrigens der einzige Ort Italiens sein, der Sant’Ippazio als Schutzpatron hat.

Bunte Möhren: die Pestanaca di Sant'Ippazio
Sagra della Pestanaca in Tiggiano (Salento, Apulien)

Warum schreibe ich diesen Blogpost? Um die pestanaca Sant’Ippazio zu promoten? Sicherlich nicht. Nur die wenigsten meiner deutschsprachigen Leser werden den Salento im Winter besuchen.

Es ist mir ein Anliegen, lokale Gemüse- und Obstsorten und kulinarische Spezialitäten vorzustellen — zu allen Jahreszeiten. Die mediterrane Küche wurde 2013 von der UNESCO in die Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Sie lebt von ihren lokalen Varietäten, die innerhalb weniger Kilometer, je nach Lage und Mikroklima, bereits differieren können. Ich möchte, dass du, als Individualreisender, eine Idee bekommst, was dich erwartet, wenn du informiert, interessiert und mit offenen Augen den Süden Apuliens besuchst.

Solltest du zu den wenigen Touristen gehören, die im Winter im Salento unterwegs sind, kannst du die pestanaca Sant’Ippazio Ende Januar/Februar auf den Märkten rund um Tricase kaufen. Manchmal ist sie auch in kleinen Supermärkten zu finden, die in ihrem Sortiment landwirtschaftlichen Produkte aus der Umgebung aufgenommen haben. Der Kilopreis beträgt zwischen 4 und 5 Euro (und ist jeden Cent wert!).

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".