(Bilder-) Geschichten, Apulien, Slow Travel

Zwei Erzengel im Gargano

Altstadt Monte Sant’Angelo im Gargano (Apulien)

Herr und Frau Schmidt in Monte Sant’Angelo. Eine Reisegeschichten aus Apulien.

“Was für eine schöne Aussicht. Fahr‘ doch mal rechts ran!” ruft Frau Schmidt begeistert.

“Hier? Ich kann doch nicht mitten in der Kurve anhalten!” Seit sie die Küste verlassen haben, ist die Aufmerksamkeit von Herr Schmidt ganz der kurvenreichen Straße gewidmet, die sich unaufhaltsam, Kilometer um Kilometer, den Berg hinauf schlängelt.

“Schau, dort kannst du hinter dem dreirädrigen Gefährt einhalten.” Frau Schmidt bleibt hartnäckig.

“Man nennt sie Ape, wie die italienische Biene. Was lernt ihr eigentlich in dem Italienischkurs an der Volkshochschule?” antwortet Herr Schmidt ironisch, als er den Blinker setzt, um hinter dem Kleinlaster zum Stehen zu kommen.

Er muss seiner Frau recht geben. Die Aussicht ist grandios. Selbst die heutigen Schleierwolken können dies nicht beeinträchtigen.

„Gar nicht so übel, dieser Golf von Manfredonia”, stimmt Herr Schmidt seiner Ehefrau zu.

Glockengeläut dringt an sein Ohr. Aber keine Kirchenglocken sorgen für die klangvolle Untermalung. Unterhalb des Städtchens Monte Sant’Angelo weiden Kühe an den steilen Hängen, die im Frühjahr mit einem zarten Grün überzogen sind. So hat Herr Schmidt sich Apulien nicht vorgestellt. Eigentlich hat er sich gar keine Vorstellung von der Region im Süden Italiens gemacht. Die Urlaubsplanung blieb seiner Frau überlassen. Selbst hatte er nur sporadisch einen Blick in einen der zahlreichen Reiseführer geworfen, die seit Monaten demonstrativ auf dem Wohnzimmertisch lagen. Er wäre lieber an den Gardasee gefahren. Berge für ihn, italienischen Flair für das Weib und Seewasser für alle. Eine perfekte Kombination mit der bisher die ganze Familie zufrieden war. Aber dann kam Apulien ins Gespräch. Oder besser gesagt, Frau Schmidt brachte Apulien ins Gespräch. Jetzt, wo die Kinder allein verreisen würden, wolle sie mehr von Italien sehen, so sagte sie. Und hier steht Herr Schmidt nun, hoch über der Adria, im Sporn des Stiefels und mit Kuhglocken als Hintergrundgeräusch.

“Komm, lass uns weiterfahren. Es sind nur noch wenige Meter bis Monte Sant’Angelo“, meint Herr Schmidt und dreht den Schlüssel im Zündschloss des Mietwagens um, den sie am Flughafen Bari übernommen haben. “Und halte bitte Ausschau nach Hinweisschildern zu einem Parkplatz. Ich möchte nicht wieder in einem Irrgarten von Einbahnstraßen landen, die selbst das Navigerät nicht kennt!”

Aber entgegen seinen Befürchtungen, finden sie auf Anhieb einen bewachten Parkplatz.

“Wie praktisch, direkt neben der ersten Sehenswürdigkeit”, bemerkt Frau Schmidt, als sie aus dem Auto steigt. Das Ehepaar begutachtet die alten Mauern des Kastells von Monte Sant’Angelo.

“Damals verstanden sie noch zu bauen”, bemerkt Frau Schmidt wohlwollend, als sie die gut erhaltene Rundbastion des Kastells, die von einem Eckturm überragt wird, betrachtet.

“Und dort hinten gibt es endlich etwas zu Beißen”, ruft Herr Schmidt begeistert seiner Frau zu, als er unweit des normannischen Kastells einen Laden entdeckt, der gut sichtbar für Essbares wirbt.

“Du hast schon wieder Hunger?” seufzt Frau Schmidt.

“Wieso schon wieder? Das Frühstück, wenn man es als solches überhaupt bezeichnen kann, liegt doch bereits Stunden zurück. Diese pappigen, weißen Brötchen machen doch niemanden satt”, verteidigt sich Herr Schmidt.

“Du hast ja recht. So gut die italienische Küche auch sein mag, aber das Frühstück verdient seinen Namen nicht. Ich geh‘ in den Laden und besorge uns was.” Frau Schmidt verschwindet in dem kleinen Geschäft vor dessen Tür ein appetitlicher Brotlaib als dekoratives Werbematerial für hungrige Touristen ausliegt.

„Das war lecker. Die Italiener können also doch Brot backen, wenn sie nur wollen”, meint Herr Schmidt zufrieden, als er den letzten Bissen hinunterschluckt und sich die Krümel vom Hemd klopft.

“Ich habe uns auch etwas zum Nachtisch gekauft, Jens. Nach einem herzhaften Schinken-Käsebrot bekommt man ja immer Appetit auf etwas Süßes.” Lachend hält Frau Schmidt ihrem Mann eine weitere Papiertüte unter die Nase.

Herr Schmidt begutachtet deren Inhalt skeptisch. “Hostien? Ok, wir sind in einem der ältesten Pilgerorte Europas, aber die bekommt man doch in jeder Kirche kostenlos.”

“Quatsch, das ist eine lokale Spezialität, die sich ostie ripiene nennt. Dünne Oblaten, die mit in Honig gerösteten Mandeln gefüllt sind”, erklärt Frau Schmidt.

“Kann man essen”, meint ihr Mann mit vollem Mund, als er die erste Oblate probiert. Anerkennend fügt er hinzu:” Dein Italienischkurs scheint ja doch Früchte zu tragen, wenn du das alles im Laden verstanden hast.”

“Ich mache schon Fortschritte”, antwortet Frau Schmidt zögerlich. “Aber die Verkäuferin sprach sehr gut Deutsch. Sie hat mir erzählt, dass sie fünfzehn Jahre in Heilbronn gearbeitet hat.”

Herr Schmidt verschluckt sich fast vor Lachen. “Mach dir nichts draus. Ich bin mir sicher, dass du noch viele Gelegenheiten haben wirst deine neu erworbenen Kenntnisse der italienischen Sprache anzuwenden.”

Gut gestärkt und einer Unterzuckerung entronnen, spazieren Herr und Frau Schmidt in bester Laune durch die Altstadt von Monte Sant’Angelo, die sich zur Mittagszeit merklich geleert hat. Frisch gewaschene Wäsche flattert über den Gassen. Herr Schmidt fotografiert begeister marode, aber pittoresk aussehende Türen und Hauseingänge. Weiße Häuser mit roten Ziegeldächern bestimmen die Architektur der Altstadt.

“Doch, das ist ein netter Ort”, sagt Herr Schmidt zu seiner Frau und umfasst übermütig ihre Taille. Sie lacht und fühlt sich um einige Jahre jünger, als ein unbedarfter Kuss auf ihren Lippen landet. Einfach so, am hellen Tag, mitten auf der Straße. Das gab es schon lange nicht mehr. Die Luft des Gargano scheint einen guten Einfluss auf Herrn Schmidt zu haben.

“Aber wir waren noch nicht bei der Hauptsehenswürdigkeit für die der Ort berühmt ist”, erinnert Frau Schmidt.

“È chiuso. Ritornate più tardi.” Der Wächter zeigt energisch auf die Tafel mit den Öffnungszeiten. Das Tor schließt sich mit einem dumpfen Poltern. Der Schlüssel knarrt im altertümlichen Schloss. Enttäuscht bleiben die Schmidts vor dem imposanten, aber geschlossenen Eingangsportal zurück.

Laut liest Frau Schmidt die Inschrift über der rechten Pforte, die ihnen keinen Einlass zur Höhle des Erzengels Michael gewährt:” Terribilis est locus ise, hic domus dei est et porta coeli.”

“Wie ehrfurchtgebietend ist doch dieser Ort. Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels. Aus dem ersten Buch Moses 28,17″, antwortet Herr Schmidt.

Ungläubig starrt Frau Schmidt ihren Gatten an. “Ach ich habe mich auf unseren Urlaub vorbereitet”, verteidigt sich Herr Schmidt. ”Aber halt auf meine Art.” Er zwinkert seiner verblüfften Frau zu und sagt: “Lass uns zum Auto zurückgehen. Knapp zwei Stunden möchte ich hier nicht warten, um in die Pilgerstätte eingelassen zu werden. Erzengel hin oder her. Ich möchte mit dir in den Märchenwald Apuliens alias Foresta Umbra fahren, bevor ich wieder Hunger bekomme. Außerdem bin ich mir sicher, so wie ich dich kenne, dass dies nicht unsere letzte Reise nach Apulien sein wird “

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und wahren Begebenheiten sind reiner Zufall. Der beschriebene Ort, wie Essbares, Kühe und Sehenswürdigkeiten sind real und können jederzeit aufgesucht bzw. probiert werden. Damit niemand vor verschlossenen Türen steht, lohnt sich ein Blick auf die Webseite des Santuario di San Michele in Monte Sant’Angelo, die auch offenbart, was sich hinter den geschlossenen Pforten verbirgt.

Im Jahr 2011 wurde die Hauptsehenswürdigkeit von Monte Sant’Angelo in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes “Langobarden in Italien, Orte der Macht (568 bis 774 n. Chr.)” aufgenommen.

Seit 2020 zählt Monte Sant’Angelo zu den „Borghi più belli d’Italia“ (dt. Die schönsten Orte Italiens).

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".