Natur und Meer

Novemberblues

Stürmisches Meer im November in Apulien

Stürmisches Grüngemüse und Heilige mit Blutwurst. Alles, was du schon immer über Apulien im November wissen wolltest, aber nie zu fragen wagtest.

Intrigantes Liebesgeflüster lässt den Tag zur Nacht werden. Turteltauben haben sich auf dem Glasfaserkabel niedergelassen und turteln, was die Hormone hergeben. Der liebliche Duft der Titanwurz erfüllt die Luft der lauen Frühlingsnacht. Romantisch erklingen die ersten Töne von Frank Zappas Evergreen Bobby Brown goes down.

Halt. Stop. Dieser Text ist für den Wonnemonat Mai bestimmt. Also nochmals von vorne:

November. Totenmonat. Trauermonat. Der graue und melancholische 11. Monat des Jahres. Er beginnt in der Nacht mit Halloween und dämonischen Instagram Filtern, um mit Allerheiligen weiterzumachen. Allerseelen folgt ohne Komplimente. Der zweite November ist der Tag des Jahres, in dem auch Ortsunkundige jeden italienischen Friedhof ohne Google Maps, Straßenschilder und Navigationssystem finden. Lange Autoschlangen zeigen dir den Weg. Die Polizia Municipale wartet bereits darauf, gestenreich und für den Anlass schmuck ausstaffiert, dem Verkehrschaos Einhalt zu gebieten. Sollten Autohupen Tote erwecken können, bietet Allerseelen in Italien die besten Voraussetzungen für den gruseligen Event.

November. Kohlgeruch liegt in der Luft. Es ist der Monat in dem Apulien nach einem langen Sommer wieder seine Leibspeise auf dem Teller vorfindet: Cime di Rapa. What else! Ob traditionell mit Orecchiette oder auf die feine Art des Salento, affogate, wörtlich erstickt in Olivenöl, Knoblauch und Peperoncino, kein Herbst und Winter vergeht ohne rape. Tapfer esse ich meinen Teller Stängelkohl leer. Grünes Gemüse ist gesund und bitteres noch viel mehr. So wurde es mir im Salento beigebracht. Ich versuche vergebens meine Geschmacksknospen davon zu überzeugen und erinnere mich nostalgisch an meine Kindheit, als das Zartgemüse noch tanzend und singend aus der Dose sprang.

Apulien im November: Stängelkohl (Rape) auf dem Feld
Traditioneller Anbau des weltberühmten Stängelkohls aka Cime di Rapa bei Otranto

November. San Martino. Das ist die Zeit, wenn in Deutschland die Gänse geschlachtet werden und kleine Hände bunte, LED-Laternen durch die Gassen tragen. (Mir wurde versichert, dass die Feuer fangenden Laternen meiner Kindheit der Vergangenheit angehören.) Wenn zarte Kinderstimmen „Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind, sein Ross das trug ihn fort geschwind“ nördlich der Alpen anstimmen, dann ist dies der Tag an dem Apulien tief ins Glas blickt. In Apulien wird kein Ross eingespannt und auch kein Gedanke an geteilte Mäntel verschwendet. Am 11. November widmen man sich dem Wein, tiefrotem Wein, wie ihn nur die ebenso rote Erde Apuliens hervorzubringen vermag. Dazu isst der Salentino vielerlei Getier, das nicht rechtzeitig die Region verlassen und vor dem Schlachtermesser fliehen konnte. Und er isst Blutwurst! Dicke, rote Würste, in denen sich weiße Fettklumpen tummeln. Ich werde in die Metzgerei geschickt, um die fast ebenso appetitlichen gnommareddhri abzuholen. Wer das Wort als Ausländer korrekt ausspricht, gilt als Anwärter auf die Ehrenbürgerschaft im Salento. Ich nenne sie weiterhin hartnäckig involtini di interiora (Rouladen aus Innereien).

Sanguinaccio nennt sich die gemeine Blutwurst in Süditalien
„Salentinischer Wein ist so wie das Blut der Erde, komm` schenk dir ein …“ (frei nach Udo Jürgens)
Gnommareddhri, eine Spezialität aus dem Salento (Apulien)
Gnommareddhri, in Lecce auch Turcinieddhri genannt, bestehen aus Innereien und werden gegrillt gegessen.

November. Während die schöne Loreley auf ihrem Felsen hockt und nachdenklich auf den trockenen Rhein blickt, ächzt und stöhnt Italien unter den Wassermassen. Der Scirocco fegt aus Süd über den Salento. Poseidon zeigt uns, was er drauf hat. Meterhohe Wellen türmen sich auf, bilden immer neue, einzigartige Formationen, um mit Kraft gegen die felsige Steilküste zu donnern. Die Gischt spritzt, Salz ist in der Luft, auf meinen Lippen, Haut, Haaren und natürlich Objektiv. Die Feuchtigkeit ist überall und allgegenwärtig. Der Wind heult, das Meer tost. Aiolos Symphonieorchester spielt, mit ohrenbetäubender Lautstärke, bis zum Morgengrauen. Zeus will auch mitmachen und lässt Blitze vom Himmel fahren. Für den Bruchteil einer Sekunde wird die Nacht zum Tag. Aber wir haben dieses Mal Glück. Der Zorn des obersten griechischen Gottes tobt sich über Albanien und Korfu aus. Ich erinnere mich daran, wie man mir als Kind immer weismachen wollte, dass Donner und Blitz nur Petrus und Kumpanen seien, die über den Wolken Kegel spielen.

Die Bucht von Porto Miggiano (Santa Cesarea Terme, Apulien) nach dem Sturm
L’estate di San Martino

November ist aber auch l’estate di San Martino. Wenn nach dem Sturm und den Spielen der Götter, plötzlich wieder die Sonne auf dich scheint, als sei nie etwas gewesen. Wenn dir beim Laufen, wie zur warmen Jahreszeit, der Schweiß den Nacken herunter läuft. Lediglich die Schaumkronen auf den Wellen erinnern daran, dass gestern noch für den Weltuntergang geprobt wurde. Die Sonne scheint auf deine bloßen Arme und du meinst eine vage Erinnerung an den Sommer zu spüren. Aber es ist nur un vago ricordo, wie man hier sagt, an den langen, heißen Sommer, der schnell wieder verschwindet und dich mit den kürzesten Tagen des Jahres und den Vorbereitungen zu Weihnachten allein lässt. Novemberblues im Salento.

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".