Korfu, Slow Travel

Tag und Nacht in Korfu-Stadt

Altstadt Korfu vom Meer gesehen

Eine kleine Hommage an Kerkyra

Sie ist UNESCO-Welterbe und wird als eine der schönsten Städte Griechenlands gehandelt. Flankiert vom Ionischen Meer, breitet sie ihr Netz an schmalen Gassen zwischen der Alten und Neuen Festung aus. Die Erstere trotzte den Osmanen unzählige Male und ragt weit ins Ionische Meer. Über der Letzteren weht heute die griechische Flagge, mal mehr, mal weniger stolz im Wind.

Kerkyras morbide Schönheit

Vier- und fünfstöckige Häuser drängen sich dicht aneinander, fast, als würden sie sich gegenseitig Halt geben. Oder wie geschwätzige Marktweiber, die ihre Köpfe zusammenstecken, um den neuesten Klatsch auszutauschen. Farbenfroh gestrichen die einen, verblasste Schönheiten die anderen. Der Putz bröckelt an vielen Ecken und so mancher Fensterladen wird den ersten Herbststurm in seinen Angeln nicht überleben. Wild schlängeln sich Stromleitungen und Wäscheleinen von Haus zu Haus. Keck flattern kleine Höschen im milden ionischen Wind. Italien oder, besser gesagt, Venedig hat architektonische Spuren hinterlassen.

Streetart in Korfu Stadt

Mich zieht es in mein Lieblingsviertel Cambiello, einem der ältesten Stadtviertel Kerkyras, wo die Gassen besonders eng und die Restaurants und Geschäfte spärlich sind. Auf der kleinen Piazza Kremasti oder Platia Kremasti, wie man in Griechenland sagt, liegt gut versteckt der kleine, gleichnamige Brunnen. Griechische und italienische Inschriften zieren die alten Marmorsteine. Verschwenderisch blüht der Hisbiskus, so schön anzuschauen und doch so nah der Touristenströme, die im Sommer täglich von Kreuzfahrtschiffen an Land gespuckt werden.

Kremasti Brunnen
Kremasti Brunnen auf der gleichnamigen Platia

Die Altstadt Kerkyras ist nicht nur sehens- sondern auch lebenswert. Und das zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ihr einen kurzen Besuch abzustatten grenzt fast an eine Sünde. Meiner Meinung wird auch der Schutzpatron Korfus, Agios Spiridon, sein. Seine Gebeine gibt es in der gleichnamigen Kirche zu bewundern, deren Turm die Altstadt hoch überragt. Viermal im Jahr werden in feierlichen Prozessionen seine sterblichen Überreste durch die Straßen der Stadt getragen. Aber dies scheint ihm nicht genug zu sein, denn, so erzählen die Korfioten, brauche der Heilige regelmäßig neue bestickte Stoffschuhe. Ob er sie nun nachts in der Altstadt abläuft oder ob sie schlicht von den zahlreichen Gläubigen durchgeküsst sind, diese Frage ist bis heute nicht geklärt. Ohne jeden Zweifel ist jedoch der Vorname Spiros der meist verbreitete unter den männlichen Einwohnern der Insel.

Kerkyra schmeckt

Am frühen Morgen riecht es nach Putzmitteln, Weichspüler und frischem Brot. Gefühlt an jeder zweiten Ecke. Im Laufe des Vormittags gesellt sich der Duft verschiedenster süßer Backwaren hinzu. Ich verzichte gerne auf das Frühstück im Hotel, um Platz zu lassen für die verführerischen Köstlichkeiten. Ja, Korfu-Stadt schmeckt, morgens, mittags und natürlich abends. Die Restauranttische sind gut belegt. Erst kommen die Nordeuropäer zum Essen, lautstark gefolgt von Italienern, die letzten sind die Griechen selbst, die sich noch später zu Tisch begeben als der italienische Cousin. An Lautstärke geben sie sich allerdings nichts. Gegrillter Oktopus, Püree von Favabohnen, garniert mit karamellisierten Zwiebeln und Kapern ist meine Wahl in einer kleinen, gut versteckten Taverna. Ein Gaumenschmaus. Ich bin froh, die Seeigel ausgeschlagen zu haben – die bekomme ich, zumindest im Frühjahr, auch im Süden Italiens.

Unter den Arkaden auf der Esplanada reiht sich ein Kaffeetisch an den anderen. Man sieht und wird gesehen bei Frappé, Cappuccino freddo und dem klassischen griechischen Kaffee. Die Aschenbecher füllen sich. Griechenland trotzt dem Nikotinverzicht trotz Wirtschaftskrise und Anti-Raucher Kampagnen. Gegen Abend nimmt man einen Aperitif ein oder geht direkt zu einem Drink über, bevor man zum nächsten Lokal weiterzieht. Die Sommernächte sind warm und mindestens genauso lang. Ich ende in einer kleinen Studentenkneipe mit live Musik. Der Rhythmus liegt mir noch in den Ohren, als ich müde in mein Hotelbett falle.

Kerkyra ist Meer

Korfu-Stadt kann keine Strände vorweisen. Gebadet wird direkt unterhalb der Stadtmauer, gegen die die Wellen schwappen, wenn die Fähren oder Kreuzfahrtschiffe in den Hafen ein- oder ausfahren. Die Übermütigen springen direkt vom Steg des kleinen Strandbades beim Faliraki Hafen ins überraschend klare Meerwasser. Die Alte Festung schaut behäbig dabei zu. Oder aber man nimmt das kleine Holzboot, was stündlich vom alten Hafen zur Insel Vido übersetzt, um dort Abkühlung zu finden und in den Fluten zu paddeln, immer mit Blick auf die Altstadt Kerkyras, la bellissima signora, bis der Aufruf zur letzten Rückfahrt des Tages zu vernehmen ist.

Baden bei Faliraki in Korfu Stadt
Baden in Korfu-Stadt. Im Hintergrund die kleine Insel Vido
Faliraki

Langsam geht der Mond über den Bergen des nahen Festlandes auf, überzieht Garitsa Bay und die Alte Festung mit einem zauberhaften Licht. Die, in der Bucht vor Anker liegenden, Boote werfen Schatten auf das stille Wasser. Verhext, verzaubert oder gar wenig verliebt. Oder wie Dean Martin sang: When the moon hits your eyes like a big pizza pie …that’s amore. Mondsüchtig in Kerkyra.

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".