Korfu, Slow Travel

Italien – Griechenland hin und zurück

Fähre Italien - Griechenland

Die schönste Art nach Korfu zu reisen

Lange Schlangen bilden sich vor dem schwimmenden Stahlkoloss. Manch einer zeigt Ungeduld. Andere bezweifeln, dass alle hinein passen. Aber letztendlich, egal ob groß oder klein, auf vier oder zwei Räder, verschwinden sie in der Dunkelheit des tiefen Schiffsbauchs. Dicht an dicht, Stoßstange an Stoßstange, drängen sich hier Personen- und Lastkraftwagen. Der Geräuschpegel ist kaum auszuhalten. Die Luft verpestet von Abgasen. Schnell entflieht ihnen jeder auf die höheren Decks, wo einem die Meeresbrise um die Nase weht — oder zumindest der Kaffeeduft von der Bar.

Ein Vibrieren geht durch den Schiffskörper. Die Motoren laufen sich warm. Kurze Zeit später steuern wir aufs offene Meer hinaus. Ich gönne mir den ersten Nescafé Frappé an der Bar. Alle lieben italienischen Kaffee. Fast alle. Aber ich bin mit Espresso & Co auch in zwanzig Jahren nicht wirklich warm geworden, mag aber dafür umso mehr das griechische Kaffeegetränk, süß und mit Milch, und vermisse es in Italien schmerzlich.

Wir sind keine illustre Reisegesellschaft. Nur wenige Passagiere sind als Urlauber unterwegs. Dafür jede Menge Erntehelfer, die täglich von Bulgarien über Griechenland nach Italien kommen und natürlich Lastkraftwagenfahrer, auch sie meist Bulgaren. Die Griechen sind, seit dem Beginn der Finanzkrise in ihrem Heimatland, in der Minderheit. Der Frachtverkehr zwischen Italien und Griechenland ist in den vergangenen Jahre drastisch zurückgegangen. Eine kleine griechische Reisegruppe kehrt von ihrer Italientour zurück nach Hellas.

Mit dem Schiff von Italien nach Griechenland

Wir steuern von Brindisi hinaus auf das offene Meer. An der engsten Stelle ist die Meerenge, die Straße von Otranto, die das italienische vom albanischen Festland trennt, nur achtzig Kilometer breit. Es beginnt der langweiligste Teil meiner Reise. Da der Absatz Italiens keine nennenswerten Erhöhungen aufweisen kann, verschwindet das Festland schnell aus meinem Blick. Vor mir liegt das graue Meer. Ich schaue auf die Wasserwüste und warte darauf, dass sich die faszinierenden und kargen Berge Albaniens am Horizont abzeichnen.

Während ich noch von einem Außendeck zum nächsten wandere, erblicke ich ihre schlanken, eleganten Körper neben unserem schwimmende Stahlkonstrukt. Das Meer ist ruhig, wie ich es nur selten auf einer Überfahrt erlebt habe. Die wendigen Meeressäuger lassen sich nicht lange bitten, spielen mit den Wellen, auf denen sich die letzten Sonnenstrahlen spiegeln. Es wäre wohl zu viel verlangt gewesen, dass die Delfinen in Erscheinung treten, wenn ich das passende Objektiv zur Hand habe.

Berge Albaniens
Die kargen Berge Albaniens im Abendlicht

Igoumenitsa für Frühaufsteher

In der Regel legt meine Fähre aus Brindisi mitten in der Nacht in Igoumenitsa an. Die Ausnahme bestätigt die Regel. Bei der Ausnahme lohnt es sich noch ein Zimmer im griechischen Fährhafen zu nehmen. Die Regel bedeutet, dass ich nachts um drei dort ankomme. Zu spät, um noch ein Zimmer zu suchen und zu früh für alles andere. Aber dafür habe ich wunderschöne Sonnenaufgänge gesehen, welche die Beschreibungen zauberhaft, romantisch, suggestiv, einzigartig (oder was auch immer der Jargon der Reiseberichte hergibt) verdient und dabei noch mehr griechischen Kaffee getrunken.

Wer in der Nebensaison oder im Winter unterwegs ist, muss, um nach Korfu gelangen, den Umweg über Igoumenitsa nehmen. Umsteigen von einer großen auf eine kleinere Fähre. Leider fährt letztere vom alten Hafen in Igoumenitsa ab und hat mir gleichzeitig eine wichtige Lektion beigebracht, die lautet: Sage niemals zu einem griechischen Taxifahrer, dass Du es eilig hast! Solltest Du zuvor nicht bereits seekrank geworden sein, besteht nun die einmalige Gelegenheit, dass Dir zumindest im rasenden Taxi übel wird. Unnötig zu erwähnen, dass ich in Rekordgeschwindigkeit vom neuen zum alten Hafen in Igoumenitsa gelangt bin, um wenige Zentimeter vor dem Häuschen, welches die Tickets verkauft, herausgelassen zu werden. Und natürlich musste ich feststellen, dass noch genügend Zeit bis zur Abfahrt der Fähre nach Korfu blieb.

Die schönste Art nach Korfu zu reisen

Die traditionellste Art eine Insel zu erreichen, ist noch immer der Seeweg. Unzählige Kreuzfahrtschiffe steuern jährlich die Ionische Insel an. Aber sich auf einer kleinen Fähre Korfu zu nähern, bleibt für mich die schönste Art und Weise zu Reisen.

Wenn möglich, nehme ich die Fähre am frühen Morgen, wenn die Sonne über den Bergen Griechenlands und des nahen Albaniens aufgeht und das Licht noch weich und sanft ist. Das Farbspiel in Bildern festzuhalten ist kein einfaches Unterfangen, denn die Vibration des Schiffes bringt die ruhigste Hand zum zittern. Die eine oder andere Fähre von Korfu Stadt oder Lefkimni kreuzt unseren Weg. Möwen begleiten die Fahrt. Nur fotogene Delfine haben sich hier für mich noch nicht blicken lassen.

Altstadt Korfu
Die Altstadt von Korfu von der Fähre aus fotografiert

Das Ziel der letzten Etappe meiner kurzen Reise erscheint vor mir: Palaio Frouri, die alte Festung Kerkyras — nur durch einen schmalen Graben von der Altstadt von Korfu getrennt. Westlich schließt das historische Zentrum der Inselhauptstadt und UNESCO Weltkulturerbe an. Kerkyra ist eine der schönsten Städte Griechenlands. Wenn sich Dir die Gelegenheit bietet, steige auf ein Boot und schaue Dir diesen schönen Teil Hellas vom Meer aus an.

Heimreise

Der Abschied von Griechenland fällt mir immer schwer. Manch einer kann vielleicht nicht nachvollziehen, was ich an dem chaotischen Land, das viele Jahren vor der Staatspleite stand, nur finden kann. Mit ein paar Worten kann ich es nicht beschreiben, aber Griechenland ist und bleibt, trotz aller Probleme, für mich eines der schönsten und gastfreundlichsten Länder. Zwar schiffe ich mich wieder gerne nach Apulien ein, aber eine gewisse Melancholie macht sich breit, wenn ich auf die Fähre in Richtung Italien steige.

Die Insel Othoni
Blick auf Othoni

Mit der üblichen Verspätung legt mein Schiff in Igoumenitsa in Richtung Brindisi ab. Als wir auf der Höhe von Othoni sind, dämmert es bereits über dem Ceraunischen Gebirge Albaniens. Ohne Zweifel bin ich wieder auf dem kürzesten Weg nach Italien unterwegs — oder wie Vergil viele Jahre vor mir schrieb:

Vorwärts gehn wir ins Meer, die nahen Ceraunien streifend,
Wo nach Italia führt der kürzeste Weg in den Wogen. Jetzo tauchte die Sonn’, es dunkelten schattige Berge. Und wir ruhn an der Wog’ im Schoß des ersehneten Landes.

Vergil, Aeneis III. 506–510 (Projekt Gutenberg)

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".