Athen, Slow Travel

Mit Sokrates auf der Athener Agora

Blick von der Athener Agora

Philosophische Gespräche im Herzen Athens

Ich berichtete von meinem Besuch bei den den Göttern über den Dächern Athens, wo ich mit Athene Bekanntschaft machte und bei den bezaubernden Karyatiden den Ausblick über die Metropole Athen genoss. Nach dem himmlischen Ausflug folgt der Abstieg hinab ins irdische Leben. Aber nicht das neuzeitliche Athen steht heute auf dem Programm. Zuvor habe ich eine wichtige Verabredung mit einem der interessantesten Gesprächspartnern der Antike: Ich treffe mich mit Sokrates, der sich dazu bereit erklärt hat mich bei meinem Spaziergang auf der Athener Agora zu begleiten.

Die Agora, heute eine der wichtigsten archäologischen Ausgrabungsstätten Attikas, war einst der Marktplatz des antiken Athens. Hier spielte sich das öffentliche Leben ab und genau hier soll Sokrates mit der ihm eigenen Hebammenkunst seinen Zeitgenossen zur Einsicht verholfen haben.

Tempel des Hephaistos

Tempel des Hephaistos

Sokrates ist ein Stadtmensch. […] Er ist ein Flaneuer, eine typische Erscheinung der Stadt. […] Es braucht keinen besonderen Raum, um gemeinsam nachzudenken. Die Stufen des Tempels tun es ebenso wie der Rand eines Brunnens, um sich zu setzten.

Marquardt, Udo: Spaziergänge mit Sokrates: Große Denker und die kleinen Dinge des Lebens. C.H. Beck Verlag, 2000 S. 14

Die Stufen des Hephaistos-Tempels sind unser Treffpunkt. Der Hephaistos-Tempel zählt zu den besterhaltensten seiner Art in Griechenland. Ich zähle dreizehn Säulen an der Langseite und bin beeindruckt. Im Gegensatz zum Parthenon scheinen hier noch alle vorhanden zu sein. Das gesamte Gebäude hat die Jahrhunderte gut überstanden, was daran liegen mag, dass man zum Ärger des hinkenden Schmiedegottes Hephaistos, den Tempel im 7. Jahrhundert zweckentfremdet hat und der sakrale Bau als Kirche für den Heiligen Georg genutzt wurde. Der Innenraum ist leider nicht öffentlich zugänglich und ich kann nur einen Blick von außen auf die Kassettendecke erhaschen.

Ich befürchte, dass Sokrates mit seinen bohrenden Fragen mein Unwissen über die Philosophie der Antike zum Vorschein bringt und dränge darauf unseren Spaziergang fortzusetzen, denn ein weiteres Gebäude auf der Agora erregt meine Neugierde. So ist es nun mal, wenn man mit Frauen unterwegs ist ;-). Ihr erinnert euch an die sokratische Weisheit: “Heirate auf jeden Fall.! Kriegst du eine gute Frau, wirst du glücklich. Kriegst du eine böse, dann wirst du ein Philosoph.”

Blick von der Agora (Athen)
Blick vom Hephaistos-Tempel auf die Stoa des Attalos (links) und den Parthenon (rechts oben)

Stoa des Attalos

Mir fällt natürlich das Offensichtliche ins Auge und auf der Agora ist dies, nach dem Tempel des Hephaistos, natürlich die Stoa des Attalos. Sokrates mag mich nicht ins Innere begleiten, da das Gebäude zu seinen Lebzeiten noch nicht hier gestanden hat und er außerdem lieber auf der Agora unter Menschen sein Unwesen treibt. Die Attalos-Stoa wurde um 150 v. Chr. vom König Attalos II von Pergamon erbaut und im 3. Jahrhundert nach Christus zerstört.

Heute bewundern wir die Rekonstruktion der Stoa in Originalgröße, die zwischen 1952 und 1956 entstand. Das Gebäude beherbergt eine Museum. Auch wenn es nicht “original” antik ist, so vermittelt es einen guten Eindruck von der damalige Baukunst. Persönlich faszinieren mich die Lichtspiele in der Säulenhalle, welche die ausgestellten Skulpturen ins rechte Licht rücken.

Die Rekonstruktion der Stoa des Attalos ist unter folgenden Link mit Bildern aus den 50er Jahren sehr gut nachzuvollziehen: The Stoa of Attalos

Säulenhalle in der Stoa des Attalos

Von Gigangten und einem Schuster

Ich möchte Sokrates nicht zu lange warten lassen und wir setzen unsere Spaziergang fort. Zu seinen Zeiten muss es auf der Agora freilich anderes ausgesehen haben und selbst bis vor neunzig Jahren standen hier noch Wohnhäuser, die den archäologischen Ausgrabungen weichen mussten.

Agora Athen
Odeon des Agrippa und die Giganten auf der Athener Agora

Aus meinem Reiseführer entnehme ich, dass der Odeon des Agrippa aus römischer Zeit stammt und anstelle eines Bauwerks errichtet wurde, welches nach der Einweihung des Dionysos-Theaters ungenutzt war.

Es sind nur wenige Besucher auf der Agora unterwegs. Ins Auge springt uns jedoch eine kleine Gruppe von gut gekleideten Menschen, die von vier Leibwächtern begleitet werden. Da Sokrates ausnahmsweise keine Ahnung hat, um welche Zeitgenossen es sich handelt, frage ich neugierig bei der Aufsicht nach. Ich habe richtig vermutet: Es sind Politiker mit hohen Gästen. Ich bewundere mit welcher Eleganz die Damen auf hohen Absätze durch die archäologische Ausgrabungsstätte wandeln.

Auch Sokrates hat den hohen Besuch natürlich bemerkt und fragt mich: “Hat sich die Politik zu weit von der Realität der Bürger entfernt?” Mit einem Seitenblick auf die nahen Politiker antworte ich flüsternd: “Können wir diese Frage nicht auf dem Syntagma-Platz mit Blick auf das griechische Parlament erläutern?”

Ausgrabungen Agora Athen
Das Haus des Simon

Wir schlendern weiter und ich bleibe vor Mauerresten stehen, die mir auf den ersten Blick unbedeutend erscheinen. Auf einem Schild steht geschrieben, dass es sich um das House of Simon (Οικια Σιμωνος), das Haus des Simon, handelt. Weitere Erläuterungen suche ich vergebens. Ich bin froh, dass mir der antike Philosoph Gesellschaft leistet. Ohne ihn hätte ich so manche Ausgrabung kaum zu würdigen gewusst. Mit Simon, der vom Beruf Schuster gewesen sei, habe er (Sokrates) aufschlussreiche philosophische Dialoge in dessen Werkstatt geführt: Vom Guten, vom Schönen, von der Tugend oder auch von der Gewinnsucht und der Liebe. Und seine Werkstatt habe sich genau an dieser Stelle befunden. Die unscheinbare Ruine gewinnt für mich plötzlich an Bedeutung. Und selbstverständlich tut es wenig zur Sache, dass Archäologen daran zweifeln, ob ein solches Haus des Simon jemals existiert hat. Aber Sokrates würde antworten:

Im Gespräch mit ihm schien mit dieser Mann zwar vielen andern Menschen auch, am meisten aber sich selbst sehr weise vorzukommen, es zu sein aber gar nicht. Darauf nun versuchte ich ihm zu zeigen, er glaubte zwar weise zu sein, wäre es aber nicht; wodurch ich dann ihm selbst verhaßt ward und vielen der Anwesenden. Indem ich also fortging, gedachte ich bei mir selbst: weiser als dieser Mann bin ich nun freilich. Denn es mag wohl eben keiner von uns beiden etwas Tüchtiges oder Sonderliches wissen; allein dieser doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen. Hierauf ging ich dann zu einem andern von den für noch weiser als jener Geltenden, und es dünkte mich eben dasselbe, und ich wurde dadurch ihm selbst sowohl als vielen andern verhaßt.

Platon, Apologie des Sokrates

Aus welchem das berühmte, wenn auch falsch gekürzte Zitat Sokrates – “Ich weiß, dass ich nichts weiß” – entstanden ist.

Weitere interessante Informationen über die Athener Agora: http://www.agathe.gr/

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".

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