Athen, Slow Travel

Mein langer Weg nach Athen

Von Brindisi über Patras nach Athen

Ich war oft in Griechenland. Sehr oft sogar. Unsere langjährige Liaison begann vor vielen Jahren auf Korfu. Meine Reisen führten mich auf die Ionischen Inseln und in den wilden und unbekannten Epirus. Ich bin den Ambrakischen Golf entlang gefahren, wo es viele Fische und wenige Touristen gibt. Nur nach Athen bin ich nie gekommen. Freunde sagten mir: “Wenn Du Griechenland verstehen möchtest, musst Du Athen kennen!” Wie recht sie doch hatten. Zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass ich große Metropolen nicht besonders mag und die ursprüngliche Landschaft und die Ruhe der Inseln, der Hektik der Großstadt vorziehe. Und Athen ist sicherlich kaum als Reiseziel für Ruhe suchende Romantiker bekannt.

Mit der Fähre von Brindisi nach Patras

Ende Oktober ist es soweit. Ich schiffe ich mich in Brindisi ein. Entgegen meiner üblichen Gewohnheit, gehe ich dieses Mal nicht in Igoumenitsa von Bord, sondern setze meine Reise mit der Fähre bis nach Patras fort. Hier löse ich am KTEL Busbahnhof meinen Fahrschein nach Athen. Knapp zwanzig Euro und gut drei Stunden dauert meine Überlandfahrt in die griechische Hauptstadt. Du fragst Dich, warum ich nicht ein Flugzeug nach Athen besteige statt 18 Stunden auf einem Schiff zu verbringen, um anschließend mit einem Überlandbus weiterzufahren? Nein, ich leide nicht an Flugangst, wie man vielleicht vermuten könnte ;-). Aber zu dieser Jahreszeit es gibt keinen Direktflug von Apulien nach Athen und der Umweg über Rom gestaltet sich nicht gerade kostengünstig. Außerdem mag ich Schiffe, das Meer, und Kavafis habe ich ebenfalls gelesen:

Immer halte Ithaka im Sinn.Dort anzukommen ist dir vorbestimmt. Doch beeile nur nicht deine Reise. Besser ist, sie dauere viele Jahre;

Ithaka — Konstantinos Kavafis

Mit dem Bus von Patras nach Athen

Der Bus fährt auf die Minute pünktlich ab. Die Sonne scheint über dem Golf von Korinth und das Thermometer klettert auf 25 Grad Celsius. Ich fahre vorbei an der Rio-Antirrio-Brücke. Eine beeindruckende Errungenschaft des neuen Jahrtausends. Der Bus verfügt über kostenloses WiFi und ich erliege der Versuchung und poste Bilder auf Twitter und Instagram.

Nach einer Stunde Busfahrt ist meine Sitznachbarin der Ansicht, dass es an der Zeit ist nähere Bekanntschaft mit mir zu schließen. Leider spricht sie kein Englisch und meine kümmerlichen Kenntnisse des Neugriechischen kommen zum Einsatz. Da sie meinen Namen auch nach zehn Versuchen nicht aussprechen kann, beschließt sie, dass ich Elena heißen muss. Mein neuer Vornamen gefällt mir. Ich bekomme Kekse anboten. Nicht irgendwelche Kekse, sondern “echte” Leckereien aus dem traditionellen φουρνου. Wir krümeln nun gemeinsam die Sitze voll und sehen, wie die Orangenhaine am Golf von Korinth an uns vorüberziehen. Vielleicht kannst du nun nachvollziehen, warum ich nicht einfach in das nächste Flugzeug steigen kann. Nur im Zug, Bus oder auf der Fähre teilt man in Südeuropa noch heute den Reiseproviant mit seinen Mitreisenden — und kommuniziert sogar miteinander.

Der Isthmus von Korinth ist tatsächlich so schmal, wie man ihn von Bildern kennt. Ich bin entrüstet, dass ich es nur schaffe einen kurzen Blick auf den Kanal zu erhaschen. Vorfreude regt sich in mir. Wir nähern uns Athen. Zu meiner Rechten zeigt sich der Saronische Golf. Ich sehe Schiffe und kleine Inseln und am Straßenrand stehen Kapellen in Fertigbauweise zum Verkauf! Der (un-) orthodoxe Stil würde sich auch gut in meiner Wahlheimat Süditalien machen, denke ich bei mir.

Blick auf Athen
Das Häusermeer von Athen

Endstation Athen

Ich betrete Athen durch die Hintertür. Wir fahren durch unzählige Vorstadtviertel, die sich in ihrer Hässlichkeit kaum von denen Italiens unterscheiden. Die Endstation meiner Fahrt ist der Kifissou Busbahnhof. Auch er ist keine Schönheit, aber von hier gelangt man in fast alle Teile Griechenlands. Ein Bus reiht sich an den anderen. Sie fahren in Orte mit klangvollen Namen wie Lefkada, Korfu, Kalamata oder gar Ioannina. Aber ich lasse mich nicht in Versuchung führen und steige in die Buslinie 051, die mich direkt zum berüchtigten Omonia-Platz bringt.

Wer das Durchhaltevermögen eines Ausländers in Griechenland auf die Probe stellen mochte, sollte ihn nicht nach Korfu, Rhodos oder Mykonos schicken, sondern im Hochsommer in der größten Mittagshitze auf den Omonoia-Platz: genau dann, wenn alle Straßen verstopft sind, die Wagen ein einziges Hupkonzert veranstalten […] und die Sonne – wie eine Strafe Gottes – förmlich das Hirn verbrennt.

Markaris, Petros: Quer durch Athen. München: Hansa Verlag, 2010 S. 77–78

Ich habe die Hölle auf Erden erwartet. Vielleicht liegt es an der fehlenden Sommerhitze oder die Athener hat beschlossen die Hupe weniger zu betätigen als ihre Cousins in Rom oder mein langjähriger Aufenthalt in Italien hat mich für immer gezeichnet und selbst der Omonia-Platz kann mir keine Furcht mehr einflößen. Mich dürstet es nach einem Frappé und ich betrete das nächste Café — mit Blick auf einen der Hauptverkehrsknotenpunkte Athens.

Das Buch Quer durch Athen: Eine Reise von Piräus nach Kifisia von Petros Markaris ist meine persönliche Leseempfehlung für alle Freunde Athens oder solche, die es noch werden wollen.

Ein paar Bäume würden dem Omonia-Platz freilich gut stehen. Neidisch bin ich allerdings auf die unzähligen Taxis, deren Anzahl die der gesamten Region Apulien locker übersteigt. Ich überlege, welchen Weg ich zu meinem Hotel einschlagen soll: mir ein Taxi gönnen, eine Station mit der Metro fahren oder mir die Füße vertreten. Ich entscheide mich für letztere Option und wandel die Athinas Straße mit meinem Köfferchen in Richtung Monastiraki.

Und in der Athinas Straße passiert es. Es ging ganz schnell und schmerzlos, aber ich spüre bereits heute, während ich diesen Text schreibe, die ersten Nachwirkungen. Athen schafft es in nur wenigen hundert Metern, genauer gesagt ab der Höhe der Markthalle, mein Herz zu erobern. Alle Vorurteile, die ich im Geheimen gegenüber der Stadt gehegt habe, verflüchtigen sich bevor ich auch nur im Hotel angekommen bin. Verzückt schaue ich in den Fleischmarkt und bestaune die Lebensmittelläden. Ich bewundere die Auslagen an Motorsägen und Schaufeln vor Geschäften, die genauso in jedem Dorf Süditaliens zu finden sind – nur, dass ich mich im Herzen Athens befinde! Bis heute mag ich keine Großstädte, aber Athen konnte sich einen gewissen dörflichen Charakter im Chaos einer Metropole erhalten. Unserer Liaison steht nichts mehr im Wege!

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".