Sizilien, Slow Travel

Im Herzen Siziliens

Blick von Enna (Sizilien)

Blick vom Belvedere in Enna: Bei guter Fernsicht blickt man vom “Balkon Siziliens” bis zu den Madonie, Monte Altesina, Monti Nebrodi und dem Ätna

Eine Reise durch das unbekannte Inselinnere Siziliens: Enna, Caltagirone, Piazza Armerina und Aidone

Landeanflug auf Catania. Wer zu spät eincheckt, muss sich mit einen Sitzplatz am Gang begnügen. Vergebens versuche ich einen Blick aus der Luft auf idda zu erhaschen. Aber dafür landen wir auf die Minute pünktlich am Flughafen Catania-Fontanarossa. Man erwartet mich bereits am Ausgang und kurze Zeit später sind wird schon auf der Autobahn Catania-Palermo unterwegs. Die Fahrt geht vorbei an Orangen- und Olivenhaine. Und dann sehe ich endlich idda (‚a muntagna), wie der Ätna ehrfurchtsvoll von den Einwohnern genannt wird. Mit seinen über dreitausend Metern Höhe, überragt der Ätna die fruchtbare Ebene von Catania. Die Landschaft wird zunehmends hügelig. Das Grün weicht den melancholischen Brauntönen, der noch unbestellten Felder. Die Reise führt mich ins Herzen Siziliens. Der Name meines Ziels lautet Enna. Aber den Ätna werde ich auch hier in der Ferne bewundern können.

Der Nabel Siziliens: Enna

Nun sahen wir den einzeln stehenden Bergrücken vor uns, worauf Castro Giovanni liegt und welcher der Gegend einen ernsten, sonderbaren Charakter erteilt. Als wir den langen, an der Seite sich hinanziehenden Weg ritten, fanden wir den Berg aus Muschelkalk bestehend; große, nur kalzinierte Schalen wurden aufgepackt. Man sieht Castro Giovanni nicht eher, als bis man ganz oben auf den Bergrücken gelangt; denn es liegt am Felsabhang gegen Norden. Das wunderliche Städtchen selbst, der Turm, links in einiger Entfernung das Örtchen Caltascibetta stehen gar ernsthaft gegeneinander.

Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 1997
Blick vom Castello auf Enna
Blick vom Castello di Lombardia auf die Provinzhauptstadt Enna. Die alte Burg zählt, gemeinsam mit dem achteckigen Wohnturm Friedrich II, zu den Wahrzeichen der Stadt Enna. Der Turm soll genau an der Stelle stehen, die in der Antike als der Nabel Siziliens galt.

Zur Goethes Lebzeiten war Enna noch als Castrogiovanni bekannt. Erst seit 1927 schmückt sich die Stadt wieder mit ihrem antiken Namen. Auf einem Felsplateau in knapp tausend Meter Höhe gelegen, darf Enna sich die höchst gelegene Provinzhauptstadt Italiens und das Belvedere Siziliens nennen. Die Aussicht als großartig zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Zwar habe ich die folgenden Bilder nicht bei bester Fernsicht aufgenommen, aber sie vermitteln vielleicht trotzdem einen Eindruck vom Panoramablick, den man vom geografischen Mittelpunkt Siziliens geboten bekommt.

Blick von Enna auf Calascibetta
Wie schon zu Goethes Lebzeiten: Blick von Enna auf das gegenüber gelegene Calascibetta

Enna bei Sonne und Nebel

Das alte Enna empfing uns sehr unfreundlich: ein Estrichzimmer mit Läden ohne Fenster, so daß wir entweder im Dunkeln sitzen, oder den Sprühregen, dem wir soeben entgangen waren, wieder erdulden mußten.

Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise. München: Deutscher Taschenbuchverlag, 1997

Mit meiner Unterkunft habe ich es wesentlich besser getroffen als Goethe. Nur mit dem Wetter scheinen wir beide in Enna zunächst kein Glück zu haben. Aber vielleicht möchte mir Sizilien zeigen, wie abwechslungsreich die größte Insel des Mittelmeers ist, und dass sie mehr als wolkenloser Himmel und blaues Meer zu bieten hat. Enna hüllt sich für mich in einen mysteriösen Nebelschleier. Nur mit viel Phantasie kann ich die Umrisse des Castello di Lombardia ausmachen. Selbst das Denkmal des rebellischen, syrischen Sklaven Eunus kann ich kaum erkennen.

Das Denkmal des sizilianischen Politikers Napoleone Colajanna auf der gleichnamigen Piazza in Enna bei Nebel und strahlendem Sonnenschein

Auf dem Weg zum Dom werde ich in ein Gespräch verwickelt. Man gibt sich als örtlicher Fotograf zu erkennen, inspiziert bei der Gelegenheit meine Kamera und fragt, was mich nach Enna führt. Ich erkläre ihm den Grund meiner Reise und gestehe beschämt ein, dass dies mein erster Besuch Siziliens ist. Ich bekomme viele Ratschläge mit auf den Weg, von wo ich die besten Ausblicke in Enna hätte und welche Kirche besonders sehenswert seien. Mit dem Versprechen bald nochmals die Stadt zu besuchen und mit einem buona luce (wörtlich gutes Licht) werde ich vor dem Dom von Enna verabschiedet.

Der Dom von Enna. Das Haupt der Madonna della Visitazione (oben links) wird von einer goldene Krone geschmückt. Sie ist Schutzpatronin der Stadt Enna. Das jährliche Patronatsfest findet am 2. Juli statt.

Da die Altstadt von Enna auf einem Hochplateau liegt, musst sich die Neustadt, unter dem Namen Enna Bassa bekannt, fast dreihundert Meter unterhalb des alten Ortskern entwickeln. Im Vergleich zu den unzähligen, sehenswerten Städten und Dörfern Süditaliens, mag Enna auf den ersten Blick keine traditionelle Schönheit sein. Noch immer schieben sich Autos durch die Altstadt. Viele ältere Häuser haben bessere Zeiten gesehen. Dafür verirren sich bis heute nur wenige Touristen bis hierhin. Man ist, im wahrsten Sinne des Wortes, unter Einheimischen. Ein Besuch lohnt sich allein für den grandiose Ausblick vom Belvedere della Sicilia. Durch ihre geografische Lage, ist Enna ein idealer Standort um das Herzen Siziliens zu erkunden. Weitere interessante Informationen über die Geschichte der Stadt, ihre Sehenswürdigkeiten, Traditionen und Feste findest Du auf folgender Webseite: Il campanile Enna

Sizilianische Keramik: Caltagirone

Caltagirone präsentiert sich mir im grauen Kleid. Wie Goethe in Enna, habe ich in der Hauptstadt der sizilianischen Keramik kein Glück mit dem Wetter. Ein feiner Nieselregen begrüßt mich. Für die Vegetation mag es sich nach dem langen sizilianischen Sommer um acqua santa handeln, nur meine Kamera und ich sind weniger begeistert. Caltagirone zählt zu den spätbarocken Städten der Val di Noto, die seit 2002 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Eines der Wahrzeichen der Stadt ist die bekannte Scalinata di Santa Maria del Monte, eine mit handgemalten Keramiken verkleidete Freitreppe.

Caltagirone
Caltagirone begrüßt mich mit einem melancholischen Nieselregen: Blick vom Keramikmuseum auf Caltagirone

Es ist unübersehbar, dass Caltagirone eine der Hochburgen der sizilianischen Keramik ist. Unzählige Geschäfte bieten Keramik zum Verkauf an, aber Werkstätten können besichtigt werden. Oft trifft man auf den sogenannten testa di moro aus Keramik: der Kopf eines “Mohren”(wörtlich übersetzt), oft auch als Paar mit einem erstaunlich hellhäutigen Mädchen zu finden. Die Legende erzählt, dass unter der arabischen Herrschaft sich ein dunkelhäutiger, junger Mann in ein einheimische Mädchen verliebte. Er gestand ihr seine Liebe, die sie ohne viel Zaudern erwiderte. Als sie jedoch erfuhr, dass ihre Geliebter bald Sizilien verlassen sollte, um in seine Heimat zurückzukehren, schlug sie ihm im Schlaf den Kopf ab (mit Sizilianerinnen ist offensichtlich nicht zu spaßen), stellte diesen auf den Balkon und pflanzte Basilikum in ihm. Da die Pflanze besonders rigoros wuchs, waren die Nachbarn bald neidisch (auch manche Dinge ändern sich nie) und wollten ebenfalls ein solch schönes Gefäß ihr Eigen nennen. Seitdem werden in Caltagirone die besagten Keramik-Köpfe hergestellt.

Auf dem Rückweg von Caltagirone nach Enna reißt die Wolkendecke auf und die berühmte sizilianische Sonne zeigt sich am späten Nachmittag. Die hügelige Landschaft wird in einen warmes Licht getaucht und plötzlich zeigt sich auch idda, der Ätna, wieder in der Ferne. Im Herzen Siziliens ist das Essen ausgezeichnet und auch die Weine sind nicht zu verachten. Es gibt Ausgrabungsstätten zu besichtigen und barocke Altstädte zu entdecken. Aber am meisten hat mich die fast menschenleere Landschaft fasziniert.

Inselinnere Siziliens
Olivenbäume und noch unbestellte Felder im Herzen Siziliens. In der Ferne ist deutlich der Ätna auszumachen

UNESCO-Weltkulturerbe: Villa Romana del Casale

Ein weiterer kultureller Höhepunkt auf meiner Reise durch das Herzen Siziliens, ist der Besuch des Weltkulturerbes Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina. Für viele Jahrhunderte durch einen Erdrutsch verschüttet, wurden die spätrömischen Mosaiken erst im 20. Jahrhundert komplett freigelegt. Dies erklärt auch den exzellenten Erhaltungszustand der Mosaiken.

Piazza Armerina
Die Kathedrale Maria Santissima Assunta überragt die Altstadt von Piazza Armerina

Selbst der Laie erkennt sofort, dass es sich bei der spätrömischen Villa um eine Luxusresidenz gehandelt haben muss. Über 40 Räume sind noch erhalten. Allein die Bodenmosaike bedecken eine Fläche von ca. 3500 m². Es werden Szenen aus dem Alltag und der Mythologie dargestellt. Auch fehlt es nicht an erotischen Darstellungen. Meist fotografiert sind ohne Zweifel die sportlichen Römerinnen, die bereits eine Art Bikini trugen. Seit 1997 zählt die Villa Romana del Casale zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Römerinnen in Bikini
Die berühmten Mosaiken der spätrömischen Villa Romana del Casale bei Piazza Armerina

Die Mosaiken sind heute überdacht. Als Besucher geht man über Stege, von denen man einen sehr guten Blick auf die Bodenmosaike hat. Für eine Besichtigung sollte man ungefähr zwei Stunden einplanen.

Die offizielle Webseite mit Öffnungszeiten: www.villaromanadelcasale.it

Zu Besuch bei der Göttin von Morgantina

Von Piazza Armerina geht die Fahrt nach Aidone. Eine über zwei Meter große, weltberühmte Göttin erwartet mich. Nach neuen Erkenntnissen geht man davon aus, dass es sich nicht um Aphrodite sondern um Demeter, die Mutter von Persephone, handelt. Ihr Körper ist aus Kalkstein gemeißelt. Der Kopf und die Gliedmaßen aus Marmor. Man erzählt, dass sie einst eine Perücke trug und ihre Augen aus Edelsteinen waren. Viele Jahre verbrachte die Statue, die unter dem Namen Aphrodite von Morgantina bekannt geworden ist, im J. Paul Getty Museum in Kalifornien. Erst nach einem langen Rechtsstreit fand sie ihren Heimweg nach Sizilien. Heute kann sie wieder im kleinen Museum von Aidone bewundert werden.

Das Archäologische Museum von Aidone ist sehr ansprechend gestaltet. Oben links: die berühmte Statue der Göttin von Morgantina. Unten rechts: eine Statue der Persephone. Das archäologische Museum wurde in einem ehemaligen Kapuziner-Kloster eingerichtet.

Wenige Kilometer vom heutigen Ortskern befindet sich die Ausgrabungsstätte der antiken Stadt Morgantina, einst einer der wichtigsten Orte auf Sizilien. Die Ausgrabungen begannen unter amerikanischer Leitung in den fünfziger Jahren. Die berühmte, gleichnamige Göttin gelangte in die Hände von Kunsträubern, die sie an das J. Paul Getty Museum für einen Millionen Betrag veräußerten. Das kleine, aber sehr schön gestaltete Museum von Aidone war eine positive Überraschung für mich.

Aktuelle Öffnungszeiten und Events werden regelmäßig auf der Facebook-Seite Museo di Aidone — Parco di Morgantina veröffentlicht: www.facebook.com/museodiaidone

Für weitere Informationen über die Provinz Enna und Caltagirone: www.distrettodeadimorgantina.it

Auf dem Rückflug von Catania über Rom nach Brindisi sitze ich endlich am Fenster. Ich erhasche einen letzten Blick auf idda und die Strände von Catania. Fasziniert schaue ich auf die größte Insel des Mittelmeers während wir an Höhe gewinnen. Sicilia bedda, ich werde wiederkommen, um im Herzen Siziliens die schönsten Aussichtsplätze zu suchen und unzählige Fotos zu machen. In den Straßen von Catania traditionellen Streetfood und unzählige Granite zu probieren. Eine Opera dei Pupi Siciliani zu sehen und der Santuzza in Palermo meine Aufwartung zu machen. Ich möchte die Ägadischen Inseln kennenlernen, die mich so sehr an mein Griechenland erinnern und das Weltkulturerbe Valle dei Templi besuchen, um zu sehen, ob mir die dortigen Tempel genauso gut gefallen wie die antiken Bauten in Athen und Paestum. Auch wenn mir aktive Vulkane großen Respekt einflößen, werde ich vielleicht sogar irgendwann so mutig sein idda aus nächster Nähe kennen zu lernen.

Vor dem Heimflug nach Brindisi, unternehme ich noch einen Abstecher ins Zentrum von Catania und schmiede bei einer Granita Pläne für meine nächste Reise nach Sizilien

Dieser Artikel entstand im Rahmen der Pressereise “Educational Tour Dea di Morgantina”. Meinen Dank für die Einladung geht an die Organisatoren und die Italienische Zentrale für Tourismus (ENIT).

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Sizilien, Slow Travel

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".