Epirus, Slow Travel

Auf Du und Du mit Hades

Totenorakel

Das Totenorakel von Ephyra in Westgriechenland

Auf der Suche nach der Seele des verstorbenen Teiresias, denn nur dieser konnte ihm den Heimweg nach Ithaka zeigen, wagte Odysseus sich in das Reich Hades und dessen gestrenger Gattin Persephone. Orpheus überzeugte auf musikalische Weise den dreiköpfigen Kerberos, der furchterregende Wachhund Hades, ihm Einlass in die Unterwelt zu gewähren. Aber auch für unmusikalische Nicht-Helden bestand die Möglichkeit mit den Toten zu kommunizieren: in der Nekromanteion von Ephyra.

Im antiken Griechenland war der Glaube verbreitet, dass die Seelen Verstorbener Auskunft über die Zukunft geben können — kluge Ratschläge inklusive. Nicht jeder war so mutig wie der homerische Held oder konnte so schön singen wie Orpheus. Aber auch für unmusikalische Nicht-Helden bestand, zumindest im antiken Hellas, die Möglichkeit mit den Seelen im Jenseits zu kommuniziere wie im einzigen Totenorakel Griechenlands, der Nekromanteion von Ephyra.

Bereits Homer beschrieb es. Und in Dantes Divina Commedia fand es Erwähnung. Zwar bin ich nicht auf der Suche nach einer Wegbeschreibung in Richtung Heimat, wie einstmals Odysseus, auch meinen Liebsten muss ich aus keinem dunklen Reich befreien, wie der singende und Lyra spielende Orpheus, aber der Faszination eines Totenorakels kann auch ich mich nicht entziehen.

Auf meiner Pilgerfahrt zur Nekromanteion überquere ich den nahen Fluss Acheron auch ohne die Hilfe Charons und seiner Fähre, der seit Menschengedenken die Seelen ins Jenseits übersetzt. Selbst beim Parken meines neuzeitlichen Fortbewegungsmittels wurde kein Obolus von mir verlangt. Zugegeben, der wolkenlose Himmel zum Herbstanfang lässt keine Gänsehautstimmung aufkommen. Ich komme sogar ins Schwitzen, als ich die Anhöhe zum Totenorakel beim Dorf Mesopotamos im Epirus hinauflaufe.

Eingangsbereich Totenorakel
Eingangsbereich des Totenorakels von Ephyra

Ende der fünfziger Jahre legte der griechische Archäologe Sotirios Dakaris unterhalb der kleinen Johanniskirche das Heiligtum frei. Vom Vorhof gelangt man zu verschiedenen Räumen, die unter anderem für rituelle Waschungen und Speiserituale genutzt wurden. Das polygonale Mauerwerk ist sehr gut erhalten und beeindruckt allein durch die Größe der einzelnen Steinblöcke, die perfekt miteinander verbunden sind. Ein kleines Meisterwerk früherer Baukunst.

Vom östlichen Korridor bekommt man einen schönen Blick auf das Tal des Acheron geboten. Hier soll sich der Wasserlauf, der in der Mythologie auch als einer der fünf Flüsse zur Unterwelt bekannt ist, einst zu einem See verbreitet haben, der heute versandet bzw. trockengelegt ist.

Von hier geht es weiter ins sogenannte Labyrinth. Man ließ nichts unversucht, den gläubigen Pilger in Angst und Schrecken zu versetzen. Rituelle Waschungen, Sinne benebelnde Speisen und Tränke — der geheimnisvolle Gang durch das dunkle Labyrinth wird sein übriges getan haben, um die gespenstische Atmosphäre zu verstärken.

Ausblick Totenorakel
Ausblick vom östlichen Korridors des Totenorakels
Eingang Labyrinth Totenorakel
Der Eingang zum Labyrinth des Totenorakels

Der so vorbereitete Pilger gelangte vom Labyrinth, welches mit mehreren schweren Bronzetüren verschlossen gewesen sein soll, in das eigentliche Herz der Orakelstätte, den Räumen für Votivgaben und dem zentralen Kultsaal. Der Befragung des Orakels, der Kommunikation mit dem Jenseits, stand nun nichts mehr im Wege.

Der Eingang zum zentralen Kultsaal (links) und der Abstieg in die Unterwelt (rechts). Heute führt eine Treppe hinab ins Untergeschoss.

Mit Sicherheit war der Ratsuchenden nicht mehr Herr seiner Sinne, wenn er endlich im Kultraum angelangte. Hier befindet sich ein Untergeschoss, welches den Priestern des Heiligtums vorbehalten war. Ein beeindruckender Raum mit Tonnengewölbe und über drei Metern dicken Mauern. Von hier kommunizierten die Priester mit den Gläubigen. Einige Funde geben Hinweise darauf, dass noch weiterer “Zauber” in Form von Hebemaschinen und kranähnlichen Vorrichtungen zum Einsatz kam, um den Effekt des Hokuspokus zu verstärken, bevor dem Ratsuchenden endlich die gesuchte Antwort aus dem Jenseits übermittelt wurde.

Untergeschoss des Totenorakels
Das beeindruckende Untergeschoss im Totenorakel von Ephyra

Heute sind viele Archäologen der Ansicht, dass es sich bei dem Totenorakel von Ephyra nicht um ein solches, sondern lediglich um einen befestigtes Gutshof handelt. Persönlich sind mir solche Thesen herzlich egal, denn die Gänsehaut, die ich im Gewölberaum bekam, ist natürlich aussagekräftiger als die Meinung vieler Fachleute. Im Nekromanteion gibt es griechische Mythologie zum Anfassen und Nacherleben. Der Phantasie sind dabei keinen Grenzen gesetzt oder “Auf Du und Du mit Hades”.

Anfahrt

Das Totenorakel von Ephyra befindet sich ca. 25 Km südöstlich von Parga bzw. 45 Km nördlich von Preveza bei dem kleinen Ort Mesopotamos, an der Landstraße EO 18 Preveza — Igoumenitsa. Gut ausgeschildert.

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Lebt mit Border Collie Jack in Apulien am Meer. Nimmt den Begriff Slow Living wörtlich, widmet sich dem Schreiben und bloggt auf Pen & Sea unter dem Motto "natürlich mediterran".